Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

06. August 2012 00:22 Uhr

Weinmesse

Johnny Hallyday wird in Colmar bejubelt

Ein Ereignis in Colmar: 69 ist er im Juni geworden. Johnny Hallyday ist derselbe Jahrgang wie Mick Jagger – aber in Frankreich der populärere Rock-'n'-Roll-Sänger. Jetzt trat er in Colmar auf.

Der Mann, der früher schon mal an drei Tagen nacheinander das Pariser Stade de France mit seinen 80 000 Plätzen ausverkauft hat, der hat natürlich jetzt das Amphitheater auf dem Messegelände in Colmar mit seinen 10.000 Plätzen auch komplett gefüllt.

Dass mit ihm die Konzertreihe der Weinmesse in Colmar eröffnet wurde, das passt. Denn Jean-Philippe Smet alias Johnny Hallyday ist der Rocker für die Normalfranzosen. Ein Musikmalocher, der immer wieder Tourneen durchs ganze Land unternimmt und mehr als 800 Stücke eingespielt hat. Ein Durchhaltekünstler, der es immer wieder mit dem Zeitgeist aufgenommen hat, der die Arbeiterjugend anfangs der 60er rebellisch machte, aber die Haare der 68er Studenten zu lang und ihre Ideen zu kurz fand. Ein Mann, der wie er sagt, sich in Jeans und Lederjacke genauso wohl fühlt wie im Smoking.

In Colmar hat er schwarzes Leder an, Hose, Jacke, fingerlose Handschuhe. Ganz der Rocker. Johnny Hallyday geht dorthin zurück, wo er herkommt. In die Zeit Ende der 50er, als er Elvis und Eddie Cochran hörte und beschloss, selbst so einer zu werden. Dass er auch ein Presley-Stück auf der Setlist hat, "I'm Gonna Sit Right Down and Cry (Over You)", ist als Hommage gut gedacht. Es macht allerdings auch klar, dass der gealterte Hallyday dem Vorbild nicht mehr nahe kommen kann. Hallydays Gesang lebte immer von der männlich rauen Färbung seines Baritons, nicht von Schmelz oder Umfang. Dass die Stimme heute brüchig ist, lässt ihn als gealterten Macho vom androgynen jungen Elvis weit weg rücken.

Werbung


Am besten ist die Show deshalb, wenn Hallyday seine ganze internationale Band aufbietet und seine Stimme im Sound aufgeht. Neben den Franzosen an Rhythmusgitarre, Bass und zweimal Keyboards spielen ein schottischer Drummer und der Engländer Robin Le Mesurier (den Künstlernamen hat er vom Schauspielervater) als Lead-Gitarrist. Er ist schon seit zwei Jahrzehnten Hallydays Bühnengefährte, von Aussehen und Spielstil her so etwas wie sein Keith Richards. Dazu kommen die Vine Street Horns, angeleitet vom US-Trompeter Harry Kim, der auch schon Phil Collins' Big Band geleitet hat. Wenn die Bläser dabei sind, wie im Anfangsstück "Allumer le feu", dann zündet eine R&B-Show bester Art.

Im Duett mit der schwarzen Chorsängerin

Zu Hallydays Quellen gehört aber auch der Blues. Und dafür hat er den polnisch-französischen Mundharmonika-Spieler Greg Szlapczynski alias Greg Zlap auf der Bühne. In Stücken wie "Excuse-moi partenaire" am Anfang und "Toute la musique que j'aime" als erste Zugabe lässt er sein Instrument klagen und wüten.

Hallyday und seine Männer sind eine grandiose Truppe. Wenn sie sich, alle schwarz gewandet, in einer langen Reihe postieren, sehen sie aus wie die glorreichen Sieben aus dem Western. Aber nicht zu vergessen: Es gibt auch noch drei schwarze Chorsängerinnen. Sie untermalen zum Beispiel das Liebesverlustlied "Deux étrangers" feminin. Und mit einer von ihnen, Amy Keys, die auch schon mit Phil Collins auf der Bühne stand, zelebriert Hallyday im Duett eine Coverversion von Tom Jones’ "I Who Have Nothing". Donnerschnulzen müssen sein, das ist die andere Seite von Johnny Hallyday. Ein Stück wie "Que je t’aime" wird in Colmar vor allem von den Frauen im Publikum sicher mitgesungen.

Die vergebliche Liebe ist eines der Lebensthemen des mehrfach verheirateten Hallyday. Auch die anderen kommen im Colmarer Konzert vor: die Herkunft aus einfachen Verhältnissen in "Je suis né dans la rue" und in "Fils de personne", der französischen Version von "Fortunate Son" von Creedence Clearwater Revival. Und die Musik, die sein Leben bestimmt hat. Der bestechendste Teil des Konzerts kommt, als Hallyday seine Musiker zu einer Akustik-Session um sich versammelt und dem Rock ’n’ Roll seiner frühen Jahre huldigt, mit dem großartigen "Elle est terrible", in dem eine Frau und ein (im Französischen weibliches) Auto besungen werden, mit "Cours plus vite Charlie", in dem sich zwei Männer einen Wettbewerb um eine Angebetete liefern. Vielleicht macht das diesen Sänger bis heute aus, die "Rock ’n’ Roll Attitude", die er in einem Lied besingt: "Lutte pour écrire ton histoire / Lutte pour garder ta mémoire /Et pour garder en toi /Une rock’ n’ roll attitude", singt er, kämpfe um deine Geschichte und dein Gedächtnis, bewahre deine Rock-’n’-Roll-Attitüde.

Dass er das getan hat, dafür verehren ihn die Zehntausend in Colmar und bringen mehr als einmal die Show zum Halten, wenn sie Sprechchöre mit seinem Namen anstimmen. Ein Ereignis im Elsass.

Autor: Thomas Steiner