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31. Juli 2012
Skandalkünstler
Jonathan Meese gibt den Demokratie-Verächter
"Ausgewählte Schriften zur Diktatur der Kunst" heißt sein aktuelles Werk, er selbst gilt als Enfant terrible der deutschen Gegenwartskunst. Was will Jonathan Meese?
Die verlegerischen Referenzen sind die besten, der Titel klingt halbwegs seriös: "Ausgewählte Schriften zur Diktatur der Kunst". Als Verfasser würde man einen renommierten Kunsthistoriker, besser noch Kunstphilosophen vermuten. Denn erschienen ist der Band in der berühmten "edition suhrkamp", dieser Rüstkammer des kritischen Geists der Nachkriegszeit, die schon Autoren vom Schlage eines Adorno, Habermas oder Enzensberger belieferten.
Doch diese "Schriften" sind von Jonathan Meese, seines Zeichens Enfant terrible der deutschen Gegenwartskunst. 650 eng bedruckten Seiten sind’s, nur eine kleine Auswahl aus einem laut editorischer Notiz bis heute mehr als 50 000 Seiten umfassenden Textkorpus. Wie andere Leute Schweiß in der Sauna sondert Meese offenbar Texte ab; analog zur künstlerischen erfolgt die literarische Produktion wie am Fließband. Nun darf man von einem Autor wie diesem keine durchdachte Kunsttheorie erwarten. Großes Kind, das Meese mit seinen 42 Jahren ist, kleckst und kleckert er wie in seinen Bildern mit Farbe so hier mit Wörtern. Heiter greift er in den Lego-Baukasten der Sprache und verbindet Begriffe zu neuen, unausdenklichen Kombinationen.
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Jedes zweite Wort der "Schriften" ist so ein Neologismus: "Sauchronik", "Diamantengott", "Erztempel" oder gar "Erzgetreidetum". Überhaupt: das Präfix "erz". Meese klatscht es allen möglichen Begriffen an. Und so treten dem Leser erstmals im Leben Wörter wie Erzmensch, Erzich, Erzvampirlicht, Erzschrei, Kampferz vor Augen – die Liste ist schier endlos. Auch mit dem Superlativ hantiert Meese ausdauernd, auch und gerade bei Wörtern, die für die Steigerungsform nicht geschaffen sind: "totalst", "absolutest", "unermesslichst".
Inhaltlich sind die Texte unmöglich ernst zu nehmen. "Kunst ist der Raubtierduft Ihres Urfanatismus im Vorgebiet Ihrer Erzkraft" – Meeses Definitionen sind so wirr und unverständlich wie seine Ausfälle gegen alles und jedes maßlos. Ohne zu differenzieren, zieht er gegen die Nachkriegszeit vom Leder. Die Demokratie: eine "flaue Wurstsuppe", ihre globale "Diktatur" das "mieseste Krankheitsbild aller Zeiten", eine "komplette Farce". Im tellurischen "Polizeistaat Demokratie" ist laut Meese die gesamte Menschheit in ein riesiges KZ gesperrt. Parteien, Gewerkschaften? Alles "nostalgischer Scheiß", ja "das Hinterletzte". Seit 1945 leben wir im "Zeitalter des Selbstverwirklichungsfanatismus", der Ära "mickriger Massenindividualisten". Zu denen zählen für ihn auch die Künstler. Die Dadaisten: "Dreckspack", selbst Picasso war "nicht geil genug, von sich abzusehen" und am Ende nur einer dieser "selbstbefindlichen Kackärsche".
Von solcher Menschheitsverirrung kann uns laut Meese nur die Kunst erlösen. Für ihn ist sie die "Revolution der Zukunft". Ihre "Machtergreifung" und "Diktatur" wird ein neues Zeitalter einläuten, den "Nullpunkt der Totaltotalität" markieren. Zwar will Meese nicht selber "Messias" oder "Prophet" dieser Zeitenwende sein. Er bescheidet sich mit der Rolle der emsigen "Ameise", auch "Totalameise der Kunst". Einmal wird er zum Orakel. Er schreibt: "Der Vulkan der Totalkunst bricht bald aus, und es wird die größte Revolution aller Zeiten Alles erfassen".
Wie in seinen Performances und wohl kalkulierten öffentlichen Auftritten schöpft Meese in den "Schriften" die Narrenfreiheit des Künstler-Genies voll aus. Und wer laut schreit, findet irgendwann Gehör. Dass er, wie unlängst bekannt wurde, 2016 in Bayreuth den "Parsifal" inszenieren soll, ist eine Frucht solcher krawallgeborenen Publicity. Nebenbei: Schon mehrfach hat Meese den "Tag der ,Totalstmachtschenkung Kunst’" ausgerufen. Nur leider hat die Welt ihn bis heute nicht realisiert.
– Jonathan Meese: Ausgewählte Schriften zur Diktatur der Kunst. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 662 Seiten, 29 Euro.
Autor: Hans-Dieter Fronz



