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22. Januar 2009 05:00 Uhr
Scham im Alltag
Journalistenpreis der Caritas: Machen Sie sich frei
BZ-Redakteurin Mechthild Blum ist beim Caritas-Journalistenpreis Zweite geworden. Ausgezeichnet: Dieser Text über den Umgang von Ärzten und Pflegepersonal mit dem Thema Scham.
Davon erzählt eigentlich keiner gerne. Von der Scham, die aus tiefster Seele stammt. An die nicht gerührt und die auch nicht benannt werden will. Das Unbehagen empfindet Frank (alle Patientennamen geändert) ganz deutlich, als er von seiner Darmspiegelung spricht. Vom Schämen zu reden, heißt sich zu demütigen. Er hatte sich an diesem Tag gewaschen, mehrmals. Ganz sauber wollte er sein. Die Untersuchung, die ihm bevorstand, machte ihm Beklemmungen. Er hatte keine Ahnung, was genau geschehen würde. Nur: Er musste sich ausziehen, seinen Unterleib nackt präsentieren. Daliegen, sich Blicken Fremder aussetzen und sich am Anus anfassen lassen. "Ist das anderen Patienten nicht auch peinlich?", fragte er, als es so weit war und er mit hochrotem Kopf, Herzklopfen und trockenem Mund, nur in T-Shirt und Socken vor dem Arzt und seiner Assistentin stand. "Äh, nö", war die knappe Antwort, die ihn in seinen Augen vollends zum Deppen machte. Er fühlte sich wie ein begossener Pudel, ausgeliefert professioneller Verständnislosigkeit – und die Scham rann ihm als Schweiß den Rücken hinunter.
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"Wer sich schämt, will in den Boden versinken, sich den Blicken der anderen entziehen. Scham ist eine sehr schmerzhafte Emotion, die häufig übersehen wird und gerade in Medizin und Pflege akut werden kann. Etwa bei der Untersuchung, Behandlung oder Pflege intimer Körperregionen." So formulierte es die Caritas-Akademie für Gesundheits- und Sozialberufe in Freiburg, die zu einer Tagung eingeladen hatte. Titel: "Sie dürfen sich schon mal frei machen". Zwei Tage lang sollten sich Ärzte, Pflegefachkräfte und Studierende mit dem Schamgefühl in Medizin und Pflege auseinandersetzen. 3000 Einladungen wurden verschickt, auf Kongressen und Tagungen weitere 2000 potenziell Interessierte informiert. Aber kommen wollten nur wenige. Neun Personen. Die Tagung wurde abgesagt.
LEWIS: SCHAM IST ÜBERALL
Vielleicht hat der Arzt ja gar keine professionelle Deformation an den Tag gelegt, als er das Schamgefühl seines Patienten forsch ignorierte. Oder ist die Scham in den Feuchtgebieten der Moderne, von denen die Schriftstellerin Charlotte Roche schreibt, gar zu allgemeiner Schamlosigkeit mutiert? Kein Bedarf also für eine groß angelegte Tagung?
"Natürlich nicht", sagt Stephan Marks, "ganz im Gegenteil". Im Vorwort zu seinem gerade veröffentlichten Buch über "Scham – die tabuisierte Emotion", zitiert er den Psychologen Michael Lewis, der glaubt, dass "das artspezifische Gefühl Scham für unser Leben zentral ist. Scham bestimmt unsere seelische Gestimmtheit mehr als Sex oder Aggression. Scham ist überall."
Aber viele meinen, sie gehöre doch eigentlich überwunden. Ein Stuttgarter Kardiologe um die 50 zum Beispiel glaubt, sich in den Anfangszeiten seiner Berufstätigkeit hin und wieder zumindest etwas geniert zu haben – wenn er mit Anzug, Krawatte und weißem Kittel angezogen, Patienten gegenüberstand, die sich entkleidet hatten. Weshalb genau er sich genierte, darüber hat er nicht weiter nachgedacht. Und er hatte das Gefühl schnell im Griff. Das musste ja schließlich auch sein. Wie sonst soll er täglich mit 30 bis 50 Patienten professionell umgehen? Dass es für diese nicht immer einfach ist, registriert er wohl. Er helfe ihnen dabei, von dem peinlichen Gefühl abzulenken, sagt er. Macht vielleicht noch zusätzlich einen Vorhang zu, schließt ein Fenster, eine Tür, spricht leiser. Manchmal auch davon, dass es für die meisten ungewohnt sei, sich hier komplett auszuziehen. Für eine genaue Diagnose, den Rundumcheck, sei das aber leider unerlässlich. Er versuche, sagt er, die Bloßstellung sozusagen an die Untersuchungsräume zu binden, ein Einverständnis mit dem Patienten herzustellen, um danach eine vertrauensvolle Mitarbeit auf Augenhöhe anzubieten.
ÄLTERE HABEN GRÖßERE HEMMUNGEN
Das funktioniert bei den deutschen Patienten fast immer. Der Stuttgarter Kardiologe hat auch ein wenig mehr Zeit für jeden: Die meisten sind Privatpatienten. Es gibt aber auch die türkische Klientel, die besonders schüchtern reagiert, und – wenn es um Frauen geht – sich nur in Anwesenheit einer Begleitperson untersuchen lässt. "Das macht es nicht immer einfacher", sagt der Arzt.
Schamgefühle: Damit haben vor allem auch viele ältere Menschen zu kämpfen: Für sie ist Nacktheit oft nicht selbstverständlich. Und sie fühlen ihren Körper im Spiegelbild der allseits propagierten Perfektion makelloser Jugend entwertet und wehrlos den Blicken aller preisgegeben. Das hat der Züricher Arzt und Philosoph Andreas Maercker auf den 57. Lindauer Psychotherapiewochen 2007 in seinem Vortrag "Scham, Sünde, Schweigen –Therapiebarrieren bei Ältern" ausführlich erörtert.
Und so verwundert es nicht, dass alte Menschen gegenüber jungen Pflegepersonen größere Hemmungen haben, als Junge, die von Älteren versorgt werden. Die Älteren vermuten, dass die Jüngeren sich vor dem Umgang mit ihnen ekeln. Und manchmal wird ihnen tatsächlich auch mit Ekel oder jugendlicher Arroganz begegnet. Das löst erneute Schmach aus.
Marianne hat das noch gut in Erinnerung. Die ehemalige Lehrerin rutschte mit 38 Jahren bei einem Schulausflug auf dem winterlichen Schauinsland im Schwarzwald auf Eis aus und schlug auf einer Steinkante auf. Seit dieser Zeit ist sie querschnittgelähmt, braucht täglich Hilfe – auch bei allen intimen Verrichtungen. Es hat lange gedauert und sie große Anstrengungen gekostet, die Pflegedienste davon zu überzeugen, dass sie nicht von Männern gewaschen werden will. Und schon gar nicht wollte sie, dass junge Zivildienstleistende ihre Monatsbinden wechselten. Das war früher auch deren Job. Marianne stieß auf viel Unverständnis und Gleichgültigkeit, die ihr in der Anfangszeit ihrer Krankheit das Leben so schwer machten. Verantwortlich sind Pflegeeinrichtungen, für die Scham kein Thema ist.
von Schwachsinn." Sigmund Freud
Der Oberharmersbacher Pflegedienstleiter weiß, dass in vielen dieser Heime über Schamgefühle kaum gesprochen wird. Auch nicht über die der Pflegenden selbst. Und selten werden diese Gefühle in der Ausbildung thematisiert: Scham über Gerüche, Geräusche, Fäkalien, nasse Windeln, Körpermakel aller Art. Assoziationen, die damit verbunden sind und Vermutungen, was der andere denken mag, wie er urteilen wird – darüber gibt es kaum psychologisch-professionelle Auseinandersetzungen.
SCHAM HAT VIELE GESICHTER
In Oberharmersbach, wo auch viele junge Menschen auf ihren Tod warten, bemüht man sich, beschämende Situationen so gut es geht zu vermeiden, achtsam mit den Körpern umzugehen und auch im Gespräch respektvoll zu blieben. Wesentlich ist dort die gleichgeschlechtliche Pflege. Sie soll von Zuwendung, Achtung und Respekt vor den Menschen geprägt sein. Immer wieder wird darüber gesprochen, auch in Seminaren und Fortbildungskursen. Das sei eine Ausnahme, sagt der Pflegedienstleiter. Unter anderem auch deswegen, weil es in dem Hospiz mehr Personal gibt als anderswo.
Auch über eine andere Scham wird unter Medizinern und Pflegekräften selten gesprochen: die Scham mancher Menschen, eine Krankheit möglicherweise selbst verschuldet zu haben. Krebs zum Beispiel, Aids oder Geschlechtskrankheiten. Das führt, wie ein Freiburger Gynäkologe erzählt, zu Gehemmtheiten wie Zeigeunlust oder Verschweigen. Das kann die Diagnose verfälschen und eine sinnvolle Therapie verhindern. Genauso wie religiöse Vorstellungen von Ehre, Sünde und Beflecktsein, die er bei Frauen aus muslimischen Kulturen kennt, aber auch von streng christlich erzogenen. Der Mediziner versucht, durch ein einfühlsames Gespräch über die Situation der Patientin und seine Arbeit Vertrauen zu schaffen. Und er plant genügend Zeit für Fragen ein. Das ist so ziemlich genau das Gegenteil dessen, was Frauen in anderen Praxen erfahren. "So, dann machen wir mal schön die Beine breit", hatte ein Gynäkologe zu Ulrike gesagt, als sie im Wartezimmer saß. Sie wäre am liebsten im Boden versunken. Diese Praxis hat sie nie wieder betreten.
IST SCHAM ETWA PEINLICH?
"Abwesenheit von Scham ist ein sicheres Zeichen von Schwachsinn", sagte einst Sigmund Freud. Was aber, wenn sich Schamgefühle verselbstständigen? Wenn man bei jeder Gelegenheit rot wird, sich verkriechen, in Luft auflösen will? Wenn sich Gefühle der Scham mit Gefühlen der Angst fest verbinden? Dann können sie sich auch in der Maske der Wut und des Zornes äußern. Dem Pflegedienstleiter in Oberharmersbach ist das nicht unbekannt. Gerade junge Aidskranke neigen dazu, Schuldgefühle zu entwickeln, die in Protest münden. Der Freiburger Sozialwissenschaftler Stephan Marks zählt noch andere Formen der Maskierung von Scham auf, die nur wenige kennen: Verachtung, Zynismus, Arroganz, Neid, Größenphantasien, Idealisierung, Perfektionismus oder Sucht gehören dazu. Selbst Schamlosigkeit kann so eine Maske sein.
Verständnis statt Ignoranz oder gar Abwehr – das kann den Patienten das Leben erheblich erleichtern. Und Ärzten und Pflegenden die Arbeit. Ebenso unverzichtbar ist die Wertschätzung für den Kranken. Dass all dies nicht selbstverständlich ist, wissen die Beteiligten. Wie man einfühlsam mit der Scham umgeht, darüber hätte man sich bei der Tagung in Freiburg verständigen können. Doch sie fand nicht statt. Ist uns das Thema Scham etwa peinlich?
Autor: Mechthild Blum


