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03. Juni 2009

" Besser als vor dem Fernseher hängen"

BZ-Aktion: "Jugend wählt die Politik" (3): Im Kreuzverhör Matthias Lindemer, 22 Jahre, Freie Wähler, Listenplatz 2, Praktikant

LÖRRACH. Über eine neue Disco, öffentliches Biertrinken und den größten Wunsch sprachen die Mitglieder der Lörracher Jugendredaktion mit jungen Gemeinderatskandidaten aller Fraktionen. Im Gespräch mit Matthias Lindemer (21) von den Freien Wählern haben Louis Leible-Hammerer, Felix Wiggenhauser, Niels Gehrig (alle 16), Mirjam Sturm und Rebecca-Sarina Koch (beide 15) unter anderem herausgefunden, dass politisch engagierte Biologen nicht zwangsläufig Grüne sein müssen.

BZ: Wenn ich Sie wählen würde, was täten Sie für eine Disco, die ich besuchen könnte?
Matthias Lindemer: Die Frage ist, ob das vom Gemeinderat begründet werden könnte. Da müsste es eigentlich eine private Initiative geben, die dann unterstützt werden könnte. Da wäre ich natürlich dabei.
BZ: Und was dafür, dass wir den Fußballplatz hinter Hebel-Gymnasium und HTG auch in unserer Freizeit benutzen dürfen?
Lindemer: Da gibt es ja das Verbot wegen Lärmbelästigung. Das Problem taucht ja immer wieder auf, auch beim SAK. Aber ich finde, dass junge Leute ein Recht auf Party und Spielen haben. Der sogenannte Spiellärm sollte juristisch eigentlich nicht als Lärmbelästigung eingestuft werden. Wem es zu laut wird, der könnte ja zum Beispiel auch aufs Land ziehen.

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BZ: Von den Umbauten am Campus Rosenfels werden wir voraussichtlich nicht mehr profitieren. Dafür kriegen wir wahrscheinlich noch den Baulärm mit. Können Sie uns trotzdem von dem Projekt überzeugen?

Lindemer: So etwas dauert eben seine Zeit. Ihr nutzt ja auch Dinge, die früher mal Lärmbelästigung verursacht haben.

BZ: Woher kommt die Motivation, sich für den Gemeinderat aufstellen zu lassen?
Lindemer: Also, ich möchte einfach die Gesellschaft, in der ich lebe, mit gestalten. Und für Politik habe ich mich sowieso schon immer interessiert.

BZ: Wo sehen Sie sich in Zukunft eher: in der Weltpolitik, händeschüttelnd mit Barack Obama, oder auf einem Empfang mit Gudrun Heute-Bluhm?

Lindemer: In der fernen oder in der nahen? Also erstmal würde ich gerne noch Biologe werden und die Politik ehrenamtlich machen.

BZ: Wollen Sie mal Merkel vom Thron schubsen?

Lindemer: Na gut, wenn ich ein gewisses Alter erreicht habe, würde ich mir so was schon zutrauen. Allerdings ist das nicht bei den Freien Wählern möglich. Die funktionieren nur auf kommunaler Ebene, wo die Wahlen personifiziert sind.

BZ: Und für welche Partei würden Sie sich dann entscheiden?

Lindemer: Wahrscheinlich die FDP. Die CDU hat mich ja schon gefragt, ob ich für sie antreten will, aber die sind mir einfach zu konservativ.

BZ: Sie wollen ja Biologe werden. Da denkt man erstmal an Grün…

Lindemer: Ja. Ich arbeite auch gerade beim Trinationalen Umweltzentrum und organisiere dort die Gewässerrandstreifen-Erfassung der Wiese. Aber die Grünen sind mir zu unrealistisch.

BZ: Und warum dann die Freien Wähler?

Lindemer: Weil es keinen Fraktions- oder Parteizwang gibt. Ich kann einfach meine Meinung vertreten und nicht die irgendeines Politikers im fernen Berlin, der die Parteipolitik vorgibt.

BZ: Aber Sie können sich schon vorstellen, Berufspolitiker zu werden?

Lindemer: Ja.

BZ: Wie koordinieren Sie das mit Arbeit und Politik?

Lindemer: Ich arbeite bis um 17 Uhr und gehe dann zu irgendwelchen Sitzungen. Besser als vor dem Fernseher hängen.

BZ: Ist das die einzige Alternative? Oder gibt es noch Hobbies, auf die Sie verzichten müssten, wenn Sie gewählt werden?

Lindemer: Da habe ich Glück: Mein Hobby ist grundsätzlich die Politik und im Speziellen das Jugendparlament. Das läuft reibungslos nebeneinander her.

BZ: Wie könnten wir Politik für junge Leute interessanter machen?

Lindemer: Man müsste den Jungen eben zeigen, dass die Politik sie auch vertritt und nicht immer nur auf der anderen Seite steht wie etwa bei der Lärmbelästigung.

BZ: Wie setzt man sich als "Junger" durch?

Lindemer: Schwierig. Also bei den Freien Wählern werde ich schon sehr ernst genommen, wie man ja auch am Listenplatz sieht. Aber beim Jugendparlament war es schon manchmal so, dass man im Gemeinderat gehört wird, wie beim Skateplatz. Und dann kriegt man mit, dass der wieder aus dem Haushalt gestrichen wurde.

BZ: Was war Ihr größtes Erfolgserlebnis?

Lindemer: (lacht) Das Abitur.

"Die meisten haben

eh schon immer gesagt:

Du gehörst in die Politik."

BZ: Wenn Sie für die nächste Amtszeit einen Wunsch frei hätten, für was würden Sie ihn einsetzen?

Lindemer: Dass ich es schaffe, dass mehr Jugendliche sich für Politik interessieren du sich für ihre Interessen einsetzen.

BZ: Was sagen Ihre Freunde und die Familie dazu, dass Sie kandidieren?
Lindemer: Ach, ich bin denen so oft in den Ohren gelegen mit irgendwelchen Ansichten – die meisten haben eh schon immer gesagt: Du gehörst in die Politik.

BZ: Darf man als Gemeinderatskandidat in der Öffentlichkeit noch ein Bier trinken?

Lindemer: Klar. Gut, ich trinke jetzt lieber Wodka ...

BZ: Erkennen die Menschen Sie auf der Straße?

Lindemer: Wegen der Arbeit beim Jupa manchmal schon. Vor allem die Skater.

BZ: Haben Sie bis jetzt selber an jeder Wahl teilgenommen, bei der Sie wahlberechtigt waren?

Lindemer: Natürlich, auch wenn man immer weniger das Gefühl hat, damit etwas verändern zu können. Es sind ja immer nur die gleichen Leute an der Spitze. Aber wenn ich nicht wählen würde, würde ich mir ja selbst die Möglichkeit nehmen, das zu kritisieren.

BZ: Für wie groß halten Sie Ihre Chance gewählt zu werden?
Lindemer: Das sollte klappen. Die Freien Wähler haben gesagt: Das ist unser Junger, stellt den nach vorne. Auf Platz zwei sind die Chancen gut.

BZ: Was halten Sie denn vom Wahlrecht ab 16?

Lindemer: Ich bin dafür.

BZ: Meinen Sie dadurch würden Ihre Chancen größer?

Lindemer: Ich denke schon.

BZ: Was meinen Sie, geht es im Gemeinderat professionell zu oder hat man da echt etwas gegeneinander, wenn man verschiedenen Parteien angehört?

Lindemer: In Lörrach ist es, glaube ich, ein richtig gemeinschaftliches Arbeiten. Da gibt es freundliche und lockere Gespräche auch über Parteigrenzen hinweg.

BZ: Im Programm der letzten Gemeinderatssitzung stand unter Punkt 3: "Oberzentrum Lörrach – Weil am Rhein: Gemeinsamer Flächennutzungsplan 2022; Erstellung Flächennutzungsplan (FNP) und Landschaftsplan (LP) für die Verwaltungsgemeinschaft Lörrach-Inzlingen, Bericht über das Offenlageverfahren, Beschluss gemäß §6 Baugesetzbuches und gemäß §67 Absatz 4 Nummer 2 Naturschutzgesetz". Interessiert Sie das wirklich?

Lindemer: Hm. Damit würde ich mich jetzt erstmal zwei Tage beschäftigen, um mir eine Meinung zu bilden. Klar, manchmal gibt es auch Themen, die nicht so interessant sind. Ob jetzt ein Parkplatz zwei Zentimeter weiter links oder rechts gebaut wird zum Beispiel. Aber so was gibt es ja überall.

Das Projekt "Jugend wählt die Politik" wird unterstützt von der Landeszentrale für politische Bildung (LpB), der Landesanstalt für Kommunikation (LfK) und dem Landesjugendring (LJR). Alle Beiträge sind unter www.badische-zeitung.de/jugend-waehlt-die-politik zu finden.


Autor: sar