Träge Behörden

Junger Autist aus dem Kreis Lörrach braucht dringend einen Lernbegleiter

Kathrin Ganter

Von Kathrin Ganter

Do, 02. August 2018 um 00:05 Uhr

Lörrach

Ein autistischer Jugendlicher aus dem Landkreis Lörrach braucht einen Lernbegleiter für seine Ausbildung – doch die, die in Frage kommen, sind dem Jugendamt zu teuer.

Mirko (Name geändert) ist 17 Jahre alt und Autist. Im Sommer will er seine Ausbildung beginnen – einen Vertrag hat er bereits unterschrieben. Doch er braucht für das erste Jahr einen Lernbegleiter. Wenige Wochen vor dem Start seiner Lehre ist aber noch immer keiner gefunden, hinter Mirko und seiner Familie liegt eine Odyssee durch die Behörden: ein Musterbeispiel, wie Inklusion nicht laufen sollte.

Daniela W. (Name geändert) hat einen großartigen Sohn, auf den sie sehr stolz ist. Mirko hat seinen Realschulabschluss geschafft und will eine Lehre beginnen. Viele in seinem Umfeld wissen nicht einmal, dass er Autist ist. "Als er klein war, haben die Ärzte prophezeit, dass er niemals ein normales Leben führen wird", berichtet seine Mutter. Doch mit der Unterstützung seiner Familie, mit Therapien, deren Kosten die Familie zum Teil selbst trug, hat Mirko es geschafft.

Die Ausbildungsstelle zu finden, war kein Problem

Nach einigen Monaten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und zwei Jahren auf der Schule mit Erziehungshilfe wechselte er in die Regelschule, zunächst mit Schulbegleitung. Vor vier Jahren wurde ihm diese aberkannt, aber er hat die Schulzeit erfolgreich hinter sich gebracht und die Prüfung regulär abgelegt. Bei einem Praktikum fand er seinen Traumberuf – er will Bau- und Landmaschinenmechatroniker werden – und dazu gleich seine Ausbildungsfirma. Im Dezember bekam er die Zusage. Und steht nur noch einen kleinen Schritt davor, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.

Für diesen Schritt braucht er Hilfe. Vor der Ausbildung im Betrieb steht ein Jahr an der Berufsfachschule in Breisach an. In der neuen Umgebung braucht Mirko einen Lernbegleiter, der ihm hilft, sich zurecht zu finden. Im November fand seine Berufswegekonferenz statt, an der Vertreter der Schule, der Agentur für Arbeit, des Integrationsfachdienstes und die Familie teilnahmen, berichtet seine Mutter. Das Ergebnis war klar, eine Begleitung steht ihm zu.

Im Dezember teilte die Mutter der Arbeitsagentur mit, dass Mirko seine Zusage hat. Im Februar antwortete die Agentur, dass sie nicht zuständig sei. Für das erste Jahr an der Schule habe Mirko nur einen Vorvertrag. Die Agentur könne erst fördern, wenn er einen Arbeitsvertrag habe, sagt Michael Rimkus, Teamleiter Reha/SB. Und da der Junge erst 17 ist, bestehe Berufsschulpflicht. "Da darf die Agentur nicht fördern", sagt Rimkus. Weshalb es zwei Monate dauerte, das der Familie mitzuteilen, kann er nicht sagen – entschuldigt sich aber dafür.

Drei Monate kam keine Reaktion vom Jugendamt

Also wandte sich die Mutter schriftlich an das Jugendamt und bekam einen Anruf einer Sachbearbeiterin – man müsse den Fall prüfen. Drei Monate lang wartete die Familie auf eine Antwort. Sie habe sich auch schriftlich bei der Leitung beschwert, sagt Daniela W. – und habe nicht einmal eine Antwort bekommen. "Es ist aufgrund von Personalausfall zu Verzögerungen gekommen", teilt Torben Pahl, Pressesprecher des Landratsamtes, auf Anfrage mit. In den Pfingstferien schließlich gab es ein Gespräch mit der Familie, bei dem der Bedarf – der in der Berufswegekonferenz im November schon festgestellt wurde – geklärt werden sollte. Der Fachbereich Jugend und Familie habe den Bedarf immer im Einzelfall konkret zu prüfen, begründet dies Pahl. Und siehe da: der Bedarf besteht.

Das Amt teilte Daniela W. mit, sie solle auf den Anruf der Lebenshilfe warten, bei der die Schulbegleiter im Kreis angestellt sind. Angesichts des immer näher rückenden Ausbildungsbeginnes rief sie selbst dort an. Die Zuständigen seien sehr hilfsbereit gewesen, berichtet die Mutter. Aber es wurde kein Schulbegleiter gefunden, denn für die Stundensätze, die von der Lebenshilfe bezahlt werden können, lohnt sich die tägliche Fahrt nach Breisach nicht. Sie müsse sich eben selbst umsehen, habe ihr das Jugendamt daraufhin gesagt, schildert die Mutter. Dies sei eine nicht unübliche Absprache gewesen, erklärt Pressesprecher Pahl: "Die Sozialen Dienste waren dazu parallel tätig." Gefunden haben sie aber bislang niemand.

"Kängu" ist dem Jugendamt zu teuer

Daniela W. wurde fündig bei "Kängu – Integrationshilfe für junge Menschen" in Freiburg. Dort arbeiten nur Pädagogen zu höheren Stundensätzen als die Schulbegleiter in Lörrach und Ende Juni teilte das Jugendamt Daniela W. mit, dass die Kosten für eine Betreuung durch Kängu nach nicht übernommen würden. Auf die Frage nach den anfallenden Kosten teilt das Landratsamt mit, die Stundensätze für die Schulbegleitung bei Autismus schwankten zwischen 22 und 50 Euro pro Stunde.

Mirko stehen laut seiner Mutter zwölf Stunden Begleitung pro Woche zu. Es gibt verschiedene Modelle: So könnten es anfangs mehr Stunden sein und die Zahl reduziert werden, wenn Mirko sich ein eingelebt hat. Seine Mutter traut ihm zu, dass er möglicherweise nicht einmal das ganze Jahr Betreuung brauchen werde. Auf jeden Fall ist die Schulbegleitung der günstigere Weg als die teure Alternative, die für die Familie zudem nicht in Frage kommt: Eine vollstationäre Ausbildung dürfte die Agentur für Arbeit sofort finanzieren, sagt Michael Rimkus. "Für uns alle ist es aber ganz wichtig, dass die Ausbildung vor Ort absolut bevorzugt wird."

Die Familie schwankt zwischen Wut und Hoffnungslosigkeit

In den Ohren der Familie klingt das wie Hohn. Immerhin hat Rimkus sich mit dem Jugendamt nun noch einmal in Verbindung gesetzt – bewegen konnte er damit aber bisher nichts. Dort ist offenbar nicht klar, was es für die Familie bedeutet, dass sechs Wochen vor Beginn des Schuljahres noch keine Schulbegleitung gefunden ist. Mirko und seine Eltern schwanken zwischen Wut und Hoffnungslosigkeit.

Gerade für den Jungen wäre es sehr wichtig, dass es endlich eine Lösung gibt, denn eigentlich freut er sich riesig auf die Ausbildung. Die Angst, dass sein Traum scheitern könne, nagen an ihm und seiner Familie. Seine Mutter sagt verbittert: "Er wird bestraft dafür, dass er sich so gut entwickelt hat."

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