Schlager

Kaisermania in Kirchzarten

Stefan Rother

Von Stefan Rother

Mo, 25. Juni 2018 um 19:11 Uhr

Rock & Pop

Zweieinhalb Stunden Schlagerunterhaltung auf hohem Niveau mit einem Entertainer der alten Schule: Roland Kaiser hat in Kirchzarten für Kaisermania gesorgt.

In den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts reagierten im deutschen Schlagergeschäft die fantastischen Vier: Udo Jürgens, der Lebemann von Welt, Howard Carpendale, der schmachtende Südafrikaner, Peter Maffay, der damals noch Möchtegern-Rocker aus Siebenbürgen – und Roland Kaiser. Der war auch sehr erfolgreich, aber für viele der leicht schlüpfrige Cousin mit Föhnfrisur und anzüglichen Texten. Vorbeikommen konnte man trotzdem kaum an ihm – allein in der ZDF-Hitparade bei Dieter Thomas Heck trat er 67 Mal auf. In den 90er Jahren erlahmte die Karriere und andere Schlagzeilen dominierten – etwa die über Kaisers angeschlagene Gesundheit.

Und heute? Da findet Roland Kaiser so breiten Zuspruch wie wohl noch nie zuvor. Die 2003 gestartete Konzertreihe "Kaisermania" in Dresden zieht Zehntausende Besucher an. In den Hitparaden rangiert Kaiser wieder auf den vorderen Plätzen, die Stimme ist nach einer Lungentransplantation wieder da. Selbst Düster-Rocker Til Lindemann von Rammstein beurteilte manche Kaisertexte wie "Manchmal möchte ich schon mit Dir" als überzeugend und schrieb ihm für sein Album "Seelenbahnen" mit "Ich weiß alles" ein eigenes Stück. Auch in Kreisen, die traditionell eher wenig mit seinen Songs anfangen können, erntete Kaiser Respekt, als er gegen Pegida klar Stellung bezog. Auch wenn der Habitus es nicht vermuten lässt, ist der in einfachen Verhältnissen aufgewachsene Musiker im Herzen ein engagierter Sozialdemokrat.

Auf der Bühne hat für ihn Politik aber nichts verloren, da will er zweieinhalb Stunden auf hohem Niveau gut unterhalten – und das gelang ihm auch am Sonntagabend im, mit 2500 Zuhörern gefüllten Zelt beim Feuerwehrfest in Kirchzarten. Kaiser ist im besten Sinne ein Entertainer alter Schule. Nur 70 Minuten zu spielen, weil das Konzert fernab der Metropolen stattfindet, kommt nicht in Frage. Auch das Vorurteil, dass bei Schlagerkonzerten ein guter Teil aus der Konserve kommt, trifft bei ihm nicht zu: Schlagzeug/Percussion und Keyboard/Klavier sind mit je zwei Musikern besetzt, dazu kommen vier Mann an Gitarren und Bass, ebenfalls vier Streicherinnen, eine Mitsängerin und eine Multiinstrumentalistin an Akkordeon und Saxophon.

Herr Kaiser trägt seinen bewährten Dreiteiler, die Krawatte wird erst in der zweiten Konzerthälfte abgelegt. Ein passender Aufzug zur fast schon kultigen Hüftsteife des Sängers – in einem Interview berichtete er einmal von einem Tanztraining in New York, bei dem ihn der Kursleiter vorzeitig nach Hause geschickt und sein Geld zurückgegeben habe.

Alle Fan-Generationen werden hier bedient

Vor allem aber hat Kaiser haufenweise Hits im Gepäck und diese zu einem dramaturgisch gut konstruierten Programm zusammengestellt. Gleich zu Beginn ertönt das programmatische "Ich glaub, es geht schon wieder los", und in Folge werden die auch in Kirchzarten bunt vertretenen Fan-Generationen allesamt bedient. So schmettert das zuvor zurückhaltende Quartett älterer Damen in den hinteren Reihen plötzlich lautstark los, als "Lieb mich ein letztes Mal" ertönt.

Als "Alles, was Du willst", die Titelmelodie der 1990er Serie "Dr. Stefan Frank – Der Arzt, dem die Frauen vertrauen", ansteht, tanzt ein jüngeres Grüppchen freudig mit. Die Stimmung steigt weiter mit Interpretationen von "Rockin all over the World" und "Mit 66 Jahren" – das erste Stück ist wohl ein Tribut an die am Vortag aufgetretenen Status Quo, das zweite an Kaisers aktuelles Alter.

Ein kollektiver Aufschrei der Begeisterung vereint das Zelt dann schließlich bei den ersten Takten von "Warum hast Du nicht nein gesagt?". Das im aktuell angesagten Popschlager-Stil gehaltene Duett mit Maite Kelly hat Roland Kaiser einen der größten Hits seiner Karriere beschert; gezählt werden können stolze 76 Millionen Youtube-Aufrufe. Zu fast schon David-Guetta-mäßigen Beats brachte der Berliner damit endgültig die Kaisermania nach Kirchzarten – und tanzt mitsamt seiner Zuschauerschaft. Aber natürlich nur ganz kurz.