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09. März 2010 20:08 Uhr

Papiersammlung

Kampf an der Altpapier-Front

Als private Entsorger in den 1990er und 2000er Jahren in Südbaden blaue Tonnen aufstellten, fürchteten Papier sammelnde Vereine das Schlimmste. Heute ist der Konkurrenzkampf beim Sammeltermin schon am Straßenrand zu sehen.

  1. Altpapier – ein begehrter Rohstoff Foto: dpa

Vor dem kleinen Bündel Papier am Bordsteinrand tritt Andreas Gerhart ordentlich in die Bremse, Traktor und Anhänger kommen quietschend zum Stehen. Wer springt jetzt vom Hänger, um die wenigen alten Zeitungen aufzuheben? Klaus Keitz, Schatzmeister beim DRK Ortsverein Jechtingen, erbarmt sich und hüpft hinunter. Mit einem Handgriff ist der kleine Obulus eines Bürgers der 1100-Seelen-Gemeinde Jechtingen am Kaiserstuhl aufgeklaubt und auf den Traktoranhänger geworfen. Jetzt wieder hinaufklettern, vier Häuser weiterfahren, hinunterklettern um noch einmal ein Päckchen Altpapier aufheben? Klaus Keitz gibt dem Traktorlenker einen Wink: "Fahr schon mal vor. Ich geh grad zu Fuß zum nächsten Paket."

Vereine bekommen einen Zuschuss

Ein Paket, an dem von vielen Seiten gezerrt wird. Dabei hat es der Bürger in der Hand: Wirft er das Altpapier in die Tonne? Das ist am einfachsten. Im Kreis Waldshut leert der Landkreis die Papiertonne in Eigenregie. Im Kreis Lörrach haben private Entsorger Behälter aufgestellt – und greifen den Rohstoff ab. Oder die alten Zeitungen werden zur Spende an die Vereine. Die freuen sich über eine Vergütung seitens der Landkreise, die so zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Sie erfüllen ihren Entsorgungsauftrag und fördern die Vereinsarbeit. Das gibt es fast überall in Südbaden. Im Ortenaukreis stehen schon seit Jahren Papiertonnen des Kreises. Trotzdem bekommen Papier sammelnde Vereine einen Zuschuss vom Kreis.

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Die Ausbeute bei der Sammlung der Rotkreuzler in Jechtingen ist nicht gerade üppig. Aber der Verein braucht das Geld. "Die Einnahmen aus dem Verkauf des Altpapiers sind eine Haupt-Einnahmequelle für uns", erklärt Christian Gerhart, Chef der Ortsgruppe. "Damit kaufen wir Verbandsmaterial oder andere Verbrauchsartikel. Außerdem sparen wir auf einen eigenen Krankenwagen." Fast 25 Prozent des Jahresbudgets von rund 10 000 Euro verdient sich der Ortsverein mit den Altpapiersammlungen hinzu.

MAGERE AUSBEUTE: FRUSTRATION MACHT SICH BREIT

Die Runde durch den unteren Ortsteil von Jechtingen, der in Obstgärten und Felder ausläuft, steht für Klaus Keitz und seinen 14-jährigen Sohn Aron auf dem Plan. Sie sitzen auf der Ladefläche eines Anhängers, auf dem sonst Bütten und Körbe für die Apfel- und Weinernte transportiert werden. Den Traktor lenkt Vereinskollege Andreas Gerhart. Wieder lässt er die Bremsen quietschen. Vater Keitz und Sohn springen vom Hänger, greifen in die Schnüre der Zeitungsbündel und werfen das Papier in den Hänger. Im Schnitt alle vier bis fünf Häuser liegt Papier bereit. Dort haben an diesem Nachmittag die Bürger an ihren DRK-Ortsverein gedacht und Altpapier als Spende an die freiwilligen Helfer aufgetürmt. Bei dieser mageren Ausbeute macht sich allerdings Frustration breit. Dabei liegen die Menschen im Kreis Emmendingen mit 84 Kilogramm Altpapier pro Kopf und Jahr am oberen Ende der individuellen Papiermüllerzeugung. Im Kreis Waldshut sind es 62 Kilo, im Kreis Breisgau-Hochschwarzwald 86 Kilo pro Kopf und Jahr.

Als Klaus Keitz das nächste Mal in den Anhänger klettert und sich zwischen die Zeitungen hockt, sieht er etwas grantelig aus. "Die blaue Tonne macht uns sehr zu schaffen", sagt er. Knapp 20 Prozent weniger Altpapier habe der Ortsverein in den Jahren nach ihrer Einführung gesammelt.

Private Entsorger witterten das große Geschäft

Mitte der 1990er Jahre wurde das Geschäft mit dem Papiermüll im Kreis Emmendingen erstmals von privaten Entsorgern entdeckt. Der Papierpreis war in die Höhe geschossen, private Entsorger witterten das große Geschäft mit dem Rohstoff. Sie stellten den Haushalten Papiertonnen kostenfrei zur Verfügung. Es entwickelte sich eine Konkurrenz zwischen Papiertonne und Vereinssammlung.

"Damals sahen die Vereine ihre Felle davon schwimmen", erinnert sich Michael Käding, stellvertretender Amtsleiter vom Eigenbetrieb Abfallwirtschaft im Landratsamt Emmendingen. "Seit dieser Zeit vergüten wir in Kooperation mit den Gemeinden die Sammelaktionen der Vereine mit einem festen Betrag pro Tonne." Für die Vereine ist die Vergütung durch den Kreis zum festen Kurs eine sichere Einnahmequelle. Für den Kreis kann es ein Überschussgeschäft sein, wenn der Papierpreis wieder anzieht. Das kommt dem Bürger zugute, denn Überschüsse fließen in den Müllgebühren-Topf. Käding sieht die Papiertonnen nicht als Gefahr für die Vereinssammlungen: "Die Verluste halten sich in Grenzen. Wer sich mit einem Verein am Ort identifiziert, der spendet auch dann Papier, wenn er eine blaue Tonne vor der Tür hat."

Diese treuen Anhänger sind in Jechtingen weniger geworden – und älter. Andreas Gerhart lenkt das Traktorengespann auf eine Ausfallstraße. Als er am letzten Haus kurz vor den Feldern hält ruft Klaus Keitz ihm zu: "Beim Annelies müssen wir auf den Hof." Gerhart nickt, und fährt geschickt in einem Zug rückwärts durch die enge Einfahrt bis an das Wohnhaus. "Die ist schon alt und kann das Papier nicht mehr selbst rausstellen", erklärt Keitz.

DIE, DIE FRÜHER PAPIER SPENDETEN, SIND TOT

Traurig sieht es am Beginn der Guldengasse aus: Da steht nur eine einzige halb mit alten Zeitungen gefüllte Schubkarre am Bürgersteig bereit. "Das ist eine tote Gasse", sagt Keitz. "Die Leute hier sind entweder gestorben, weggezogen oder haben neu gebaut." Er ist überzeugt: "Das Altpapiersammeln ist eine aussterbende Aufgabe für die Vereine." Denn Papiersammeln bedeutet Aufwand. An diesem Abend sind immerhin ein knappes Dutzend Männer und Jungen im Einsatz. Sie verteilen sich auf drei Sammelwagen. Der Papiercontainer muss organisiert werden, hinterher müssen die Bündel aufgeschnitten, Schnüre und Papier getrennt werden. Vorstand Christian Gerhart bringt es auf den Punkt: "Ohne die Vergütung vom Kreis würde sich die Sache nicht lohnen."

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Autor: Bastian Henning