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10. März 2010
Frust am Straßenrand
Vereine konkurrieren mit der blauen Tonne und Entsorgern um Altpapier / Der Rohstoff ist knapp.
FREIBURG. Landet eine alte Zeitung im Müll, ist sie erneut Objekt der Begierde: Private Entsorger sind mit dem Altpapier auf Profit aus, Vereine hoffen, den Abfall für ihre klammen Kassen zu Geld zu machen. Bindeglieder sind die Landkreise, die ihrem Entsorgungsauftrag nachkommen müssen. Dabei verfolgen sie verschiedene Strategien. Manche setzen auf die Papiertonne, andere auf die Förderung der Vereine, die ihnen die Sammelarbeit abnehmen können.
Vor dem kleinen Bündel Papier am Bordsteinrand tritt Andreas Gerhart ordentlich in die Bremse, Traktor und Anhänger kommen quietschend zum Stehen. Wer springt jetzt vom Hänger, um die wenigen alten Zeitungen aufzuheben? Klaus Keitz, Schatzmeister beim DRK Ortsverein Jechtingen, erbarmt sich. Mit einem Handgriff ist der kleine Obulus eines Bürgers der 1100-Seelen-Gemeinde Jechtingen am Kaiserstuhl aufgeklaubt und auf den Traktoranhänger geworfen. Jetzt wieder hinaufklettern, vier Häuser weiterfahren, hinunterklettern, um noch einmal ein Päckchen Altpapier aufzuheben? Klaus Keitz gibt dem Traktorlenker einen Wink: "Fahr schon mal vor. Ich geh grad zu Fuß zum nächsten Paket."Werbung
Ein Paket, an dem von vielen Seiten gezerrt wird. Dabei hat es der Bürger in der Hand. Wirft er das Altpapier in die Tonne? Das ist am einfachsten. Im Kreis Waldshut leert der Landkreis die Papiertonne in Eigenregie. Im Kreis Lörrach haben private Entsorger Behälter aufgestellt – und greifen den Rohstoff ab. Oder die alten Zeitungen werden zur Spende an die Vereine. Die freuen sich über eine Vergütung seitens der Landkreise, die so zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Sie erfüllen ihren Entsorgungsauftrag und fördern die Vereinsarbeit. Das gibt es fast überall in Südbaden. Im Ortenaukreis stehen schon seit Jahren Papiertonnen des Kreises. Trotzdem bekommen Papier sammelnde Vereine einen Zuschuss vom Kreis.
Die Ausbeute bei der Sammlung der Rotkreuzler in Jechtingen ist nicht gerade üppig. Aber der Verein braucht das Geld. "Die Einnahmen aus dem Verkauf des Altpapiers sind eine Haupt-Einnahmequelle für uns", erklärt Christian Gerhart, Chef der Ortsgruppe. "Damit kaufen wir Verbandsmaterial oder andere Verbrauchsartikel. Außerdem sparen wir auf einen eigenen Krankenwagen." Fast 25 Prozent des Jahresbudgets von rund 10 000 Euro verdient sich der Ortsverein mit den Altpapiersammlungen hinzu.
Die Runde durch den unteren Ortsteil von Jechtingen, der in Obstgärten und Felder ausläuft, steht für Klaus Keitz und seinen 14-jährigen Sohn Aron auf dem Plan. Sie sitzen auf der Ladefläche eines Anhängers, auf dem sonst Bütten und Körbe für die Apfel- und Weinernte transportiert werden. Den Traktor lenkt Vereinskollege Andreas Gerhart. Wieder lässt er die Bremsen quietschen. Vater Keitz und Sohn springen vom Hänger, greifen in die Schnüre der Zeitungsbündel und werfen das Papier in den Hänger. Im Schnitt alle vier bis fünf Häuser liegt Papier bereit. Dort haben an diesem Nachmittag die Bürger an ihren DRK-Ortsverein gedacht und Altpapier als Spende an die freiwilligen Helfer aufgetürmt. Bei dieser mageren Ausbeute macht sich allerdings Frustration breit. Dabei liegen die Menschen im Kreis Emmendingen mit 84 Kilo Altpapier pro Kopf und Jahr am oberen Ende der individuellen Papiermüllerzeugung. Im Kreis Waldshut ist sie mit 62 Kilo am niedrigsten, im Kreis Breisgau-Hochschwarzwald mit 86 Kilo am höchsten.
das große Geschäft.
Mitte der 1990er Jahre wurde das Geschäft mit dem Papiermüll im Kreis Emmendingen erstmals von privaten Entsorgern entdeckt. Der Papierpreis war in die Höhe geschossen, private Entsorger witterten das große Geschäft mit dem Rohstoff. Sie stellten den Haushalten Papiertonnen kostenfrei zur Verfügung. Es entwickelte sich eine Konkurrenz zwischen Papiertonne und Vereinssammlung. "Damals sahen die Vereine ihre Felle davon schwimmen", erinnert sich Michael Käding, stellvertretender Amtsleiter vom Eigenbetrieb Abfallwirtschaft im Landratsamt Emmendingen. "Seit dieser Zeit vergüten wir in Kooperation mit den Gemeinden die Sammelaktionen der Vereine mit einem festen Betrag pro Tonne." Für die Vereine ist die Vergütung durch den Kreis zum festen Kurs eine sichere Einnahmequelle. Auch der Kreis kann dabei verdienen, wenn der Papierpreis wieder anzieht. Das kommt dem Bürger zugute, denn Überschüsse fließen in den Müllgebühren-Topf. Käding sieht die Papiertonnen nicht als Gefahr für die Vereinssammlungen: "Die Verluste halten sich in Grenzen. Wer sich mit einem Verein am Ort identifiziert, der spendet auch dann Papier, wenn er eine blaue Tonne vor der Tür hat."
Diese treuen Anhänger sind in Jechtingen weniger geworden – und älter. Andreas Gerhart lenkt das Traktorengespann auf eine Ausfallstraße. Als er am letzten Haus kurz vor den Feldern hält, ruft Klaus Keitz ihm zu: "Beim Annelies müssen wir auf den Hof." Gerhart nickt, und fährt geschickt in einem Zug rückwärts durch die enge Einfahrt bis an das Wohnhaus. "Die ist schon alt und kann das Papier nicht mehr selbst rausstellen", erklärt Keitz.
Traurig sieht es am Beginn der Guldengasse aus: Da steht nur eine einzige halb mit alten Zeitungen gefüllte Schubkarre am Bürgersteig bereit. "Das ist eine tote Gasse", sagt Keitz. "Die Leute hier sind entweder gestorben, weggezogen oder haben neu gebaut." Er ist überzeugt: "Das Altpapiersammeln ist eine aussterbende Aufgabe für die Vereine." Denn Papiersammeln bedeutet Aufwand. An diesem Abend sind immerhin ein knappes Dutzend Männer und Jungen im Einsatz. Sie verteilen sich auf drei Sammelwagen. Der Papiercontainer muss organisiert werden, hinterher müssen die Bündel aufgeschnitten, Schnüre und Papier getrennt werden. Vorstand Christian Gerhart bringt es auf den Punkt: "Ohne die Vergütung vom Kreis würde sich die Sache nicht lohnen."
ERKLÄR’S MIR
Wenn ihr ein Schulheft vollgeschrieben habt und es nicht aufheben wollt, werft ihr es weg. Vielleicht denkt ihr, damit ist das Heft zu nichts mehr nutze. In Wahrheit beginnt damit für die Besitzer von großen Papierfabriken erst alles. Zusammen mit Zeitungen und Kartons wird euer Heft in der Fabrik in Wasser geworfen, zerschnipselt und zu Papierbrei geknetet. Wenn der schön flüssig ist, kann er gewalzt und in einem riesigen Ofen getrocknet werden. Fast so wie an Weihnachten der Plätzchenteig. Am Ende kommt dann wieder frischer Karton oder neues Papier heraus. In Schneidemaschinen kann das zu einem neuen Schreibheft zurecht geschnitten werden. Vielleicht ist ein bisschen was von eurem alten Schulheft auch in dieser Zeitungsseite: Normalerweise wird die Badische Zeitung auf Papier gedruckt, das fast vollständig aus Altpapier besteht.
Autor: bnh
Autor: Bastian Henning


