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21. April 2011

Ein spiritueller und musikalischer Hochgenuss

Das Konzert von "Viva Voce" in der evangelischen Stadtkirche Kandern widmet sich der Passion Christi.

  1. Chorgesang zur Passion Christi auf hohem Niveau bot der Lörracher Kirchenchor „Viva Voce“ in der evangelischen Kirche in Kandern. Foto: Silke Hartenstein

KANDERN (sil). Das Konzert von "Viva Voce" in der evangelischen Stadtkirche Kandern war musikalischer und spiritueller Hochgenuss zugleich. Zum Auftakt der Karwoche widmete sich "Viva Voce", der Kammerchor der Kirchengemeinde Lörrach, der Passion Christi. Unter Leitung von Bezirkskantor Herbert Deininger boten die 16 Sänger und Sängerinnen liturgische Chorwerke auf hohem Niveau, den krönenden Abschluss bildete Heinrich Schütz’ Johannespassion mit den Soliloquenten Karl-Heinz Brandt und Eckhard Otto, beide Berufssänger am Theater Basel.

Sich an einem sonnigen Nachmittag mit den Leiden Christi auseinander zu setzen, ist nicht jedermanns Sache. In Anbetracht dessen war die Kirche wirklich gut besucht, und die Zuhörer genossen ein hinreißendes Konzert mit Chor- und Orgelwerken von Kuhnau, Dvorak und Distler und zugleich ein emotionales Erlebnis jenseits des profanen Alltags. Zu Beginn spielte Herbert Deininger auf der Merklin-Orgel aus dem Werk von Samuel Scheidt "Da Jesus an dem Kreuze stund’". Eine zarte Flötenstimme über bewegten dunklen Läufen, faszinierend-fremdartig anmutende Harmonien aus dem frühen Barock und zuletzt ein Anschwellen zur vielstimmig brausenden Klage boten die perfekte Eröffnung des Kommenden. Zutiefst anrührende, sich reibende Harmonien gab es bei der Motette "Fürwahr, er trug unsere Krankheit" des 1942 verstorbenen Kirchenmusikers Hugo Distler – ein anspruchsvolles Werk, vom Chor mit großer stimmlicher Reinheit und Sensibiliät interpretiert. 16 geschulte Einzelstimmen fanden hier zum großen Klangkörper zusammen. Und wenn sich die Soprane in kristallklare Höhen aufschwangen, gingen die Schwingungen regelrecht unter die Haut. In sensibler, differenziert und diszipliniert umgesetzter Polyphonie ging es weiter mit der Motette aus dem Barock "Tristis est anima mea" von Johann Kuhnau. Die Stunde des Solisten schlug bei den Biblischen Lieder von Antonin Dvorak. Hier bot der lyrische Tenor Karl-Heinz Brandt zu Deiningers kongenialer Orgelbegleitung den Zuhörern den Hochgenuss einer großen, professionell trainierten Stimme.

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Eine Stimme, die zu einem kirchenfüllenden Instrument wird

Getragen sein, um Trost bitten und sich persönlich an Gott wenden – all dies fand sich in Brandts ausdrucksvollem Vortrag wieder, und da, wo es das Werk verlangte, ließ er seine Stimme zum kirchenfüllenden, strahlenden Instrument anschwellen. Gesang spielte bei der Johannespassion von Heinrich Schütz eine weniger tragende Rolle. In den Zeiten des Frühbarocks waren nur wenige Menschen des Lesens mächtig. So boten Passionsspiele nebst Anderem die Gelegenheit, sich mit dem Wortlaut des Evangeliums vertraut zu machen. Und so wurde denn auch die Geschichte der Passion Christi vorwiegend durch gesungene Rezitation vermittelt, wobei Brandt die tragende Rolle des Evangelisten hatte. Den Part Christi übernahm Eckhard Otto mit tiefem, bewegenden Bass, für Pilatus rezitierte Sieghardt Butzer. Der Chor agierte hier als Volkes Stimme. In der altertümlichen, reichen Sprache der Bibel wurde die Geschichte von Jesu’ Leidensweg detailliert wieder gegeben, es entfaltete sich die ganze erzählerische Kraft dieser Chronik, bis zum Ende: "Es ist vollbracht!". Mit der Lobpreisung Christi verabschiedete sich der Chor – und auf einen Moment der Stille folgte langer Applaus.

Das Konzert wird am Karfreitag, 22. April, um 17 Uhr in der Stadtkirche Lörrach nochmals aufgeführt.

Autor: sil