Hoffnung für das digitale Entwicklungsland

Thomas Steiner

Von Thomas Steiner

Mi, 04. Juli 2018

Kommentare

Beim "DLD Campus" in Karlsruhe setzen Günther Oettinger und andere auf die Ingenieure, damit Deutschland nicht abgehängt wird.

"Das Rhine Valley von Mainz bis Offenburg hat das gleiche Potenzial wie das Silicon Valley." Wenn das keine optimistischen Worte sind. Und Günther Oettinger sollte wissen, wovon er da redet. Schließlich amtierte er fünf Jahre als Ministerpräsident Baden-Württembergs und zwei Jahre als EU-Kommissar für Digitale Gesellschaft und Wirtschaft. Am Dienstag war der CDU-Mann der politische Stargast des "DLD Campus" in Karlsruhe.

DLD steht für "Digital, Life, Design", das Format ist eine Erfindung des Burda-Konzerns in Person von Stephanie Czerny, die seit mehr als 20 Jahren für Hubert Burda arbeitet und als enge Freundin des Verlegers gilt. Das Vernetzen ist ihre Passion, um sie selbst zu zitieren. Auf den DLD-Veranstaltungen kommen Start-up-Unternehmer und Manager aus der Digitalwirtschaft mit Wissenschaftlern zusammen, Politiker schauen vorbei, Studierende knüpfen erste Kontakte. Es gibt DLD alljährlich in München, aber auch in London oder Tel Aviv – 14 000 Teilnehmer seien es dort gewesen, sagt Czerny. Auf den Rednerlisten von DLD stand auch schon der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg.

Wenn DLD in die Provinz geht, ist alles ein wenig kleiner. In Karlsruhe steht mit dem ZKM, dem Zentrum für digitale Kunst und Medien, immerhin ein passender Veranstaltungsort zur Verfügung. Rund 200 Teilnehmer kamen – und spendeten Günther Oettinger Beifall für seine Aufmunterung. Denn eigentlich, das wusste jeder im Saal, steht es um die Digitalisierung in Deutschland nicht gut. Nur Platz 17 in einem Ranking von 35 Industrieländern, das ein Fraunhofer-Institut vorgenommen hat. Oder wie Marion Weissenberger-Eibl, Professorin an diesem Institut, in Karlsruhe feststellte: "In vielen Bereichen ist Deutschland ein digitales Entwicklungsland."

Gemeint sind, das war von mehreren Vortragenden zu hören, die Unterversorgung vieler Gebiete mit guten Internetverbindungen, die geringen digitalen Bildungsangebote in den Schulen, das fehlende Wagniskapital für Start-ups. Und die Funklöcher. Oettinger hatte auf seiner Autofahrt von Straßburg nach Karlsruhe acht davon gezählt. Und an jeder Grenze werde man unmissverständlich darauf aufmerksam gemacht, dass Europa keine gemeinsame digitale Struktur besitze, weitete der EU-Kommissar den Blick auf den Kontinent.

Er forderte, ganz Europa müsse zum Start-up werden. Ansätze sehe er schon, die Digitalisierung der Verwaltung in Estland, die Forschung in Cambridge und Oxford (weshalb er für einen weichen Brexit sei, um die britische Wissenschaft in der Familie zu halten). Auch die deutschen Wissenschaften lobte er, speziell die baden-württembergischen: Das Krebsforschungszentrum in Heidelberg etwa arbeite mit Big Data. Auch das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim und das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) nannte er.
Es geht um die Digitalisierung vorhandener Technik

Und dann ist da ja noch die hiesige Industrie. "Das Silicon Valley ist nur digital", sagte Oettinger, "die Realwirtschaft ist hier zu Hause." Wenn es um Social Media und Big Data gehe, liege Deutschland weit zurück, aber "je näher man an die industrielle Produktion kommt, desto besser sind wir".

Die Bottom-up-Digitalisierung, die Digitalisierung vorhandener Technik von unten her, sei Europas Stärke, sagte auch Torsten Kröger, Robotik-Professor am KIT. Im Gegensatz zu den disruptiven Technologien, der Erfindung gänzlich neuer Dinge, im Silicon Valley. "Wir haben eine einmalige Chance, weil wir ein Land der Ingenieure sind", meinte auch Jivka Ovtcharova, ebenfalls Professorin am KIT. Wobei sie gar nicht ganz Deutschland meint: "Ich sage immer", fügte sie hinzu, "die Amerikaner haben Silicon Valley, wir haben Black Forest."

Ovtcharova ist selbst Paradebeispiel für die Verbindung von Technik und Digitalisierung, sie hat in Maschinenbau wie in Informatik promoviert. Zu ihren Arbeitsgebieten gehört, wie sie beim DLD-Campus vorführte, die echtzeitfähige Kommunikation zwischen Menschen und Maschinen. Da auch noch ein weiterer KIT-Robotiker, Tamim Asfour, Videos vorführte von seinen menschenähnlichen Maschinen, die Geschirrspülmaschinen einräumen, und ein Masterstudent die breite Ausbildung am selben Institut loben durfte, geriet die DLD fast zur Werbeveranstaltung für das Karlsruher Institut.

Wie überhaupt für die Digitalisierung geworben und sie nicht infrage gestellt wurde. Die Notwendigkeit von Fortschritt und Wagniskultur war die Botschaft. Schon um im Wettbewerb mit China zu bestehen. Zwar war auch ein Digitalisierungskritiker, der US-Autor Andrew Keen, eingeladen, er durfte auf der Bühne aber nur ein paar gemeine Fragen an einen der KITler richten.