Bundesweite Durchsuchungen

Mehr als 100 Festnahmen bei Großrazzia gegen Bordell-Netzwerk

Konstantin Görlich, Helmut Seller, dpa, aktualisiert um 14.30 Uhr

Von Konstantin Görlich, Helmut Seller, dpa & aktualisiert um 14.30 Uhr

Mi, 18. April 2018 um 07:26 Uhr

Südwest

Mehr als 100 Tatverdächtige hat die Bundespolizei bei einer Großrazzia festgenommen. Im Fokus steht ein Bordell-Netzwerk mit Prostituierten aus Thailand. Auch in Offenburg wurde ein Bordell durchsucht.

Mit ihrer bisher größten Razzia hat die Bundespolizei ein Bordell-Netzwerk zerschlagen, dessen Drahtzieher Hunderte Menschen aus Thailand nach Deutschland geholt haben sollen. Zuvor teilten mehrere Polizeidirektionen mit, dass es sich dabei um die größte bundesweite Razzia in ihrer Geschichte handelte. Etwa 1500 Beamte durchsuchten am Mittwoch 62 Bordelle und Wohnungen in zwölf Bundesländern.

Mehr als 100 Personen wurden vorläufig festgenommen und sieben Haftbefehle vollstreckt, sagte ein Sprecher der Bundespolizei im nordrhein-westfälischen Siegen. Unter Beteiligung der Spezialeinheit GSG 9 nahmen Polizisten die Hauptverdächtigen fest, eine 59-jährige thailändische Staatsangehörige und ihren 62-jährigen deutschen Lebensgefährten.



In Baden-Württemberg fanden am Mittwochmorgen in neun Objekten Durchsuchungsaktionen statt. Diese befinden sich in Offenburg, Karlsruhe, Bruchsal, Mannheim, Rastatt und Pforzheim, wie Jonas Große, Pressesprecher bei der Bundespolizeidirektion in Stuttgart, auf BZ-Anfrage mitteilt. Mindestens sieben Menschen wurden in Rastatt festgenommen, wie viele in Baden-Württemberg insgesamt, war am Nachmittag noch unklar. Bundesweit seien an den Durchsuchungen, die ihren Schwerpunkt in Nordrhein-Westfalen haben, mehr als 1500 Beamte beteiligt, darunter auch Spezialeinheiten der GSG9.

Auch ein Bordell in Offenburg wurde durchsucht

Auch ein Offenburger Bordell wurde am Mittwochmorgen durchsucht. Dort hatte die Polizei Beweismittel gesucht und auch sechs Frauen seien angetroffen worden, so Dittrich von der Bundespolizei. Ihr Aufenthaltsstatus wurde überprüft: Fünf der Frauen hielten sich legal im Bundesgebiet auf, der Aufenthaltsstatus der sechsten wird noch geprüft.

Auch in Rastatt wurde ein Bordell durchsucht. Dort sei einer der Hauptbeschuldigten festgenommen worden. Sechs Frauen wurden angetroffen, die sich zum Teil unerlaubt im Bundesgebiet aufhielten.

Bundespolizistin Carolin Dittrich über den Einsatz in Offenburg



Auch in Baden-Württemberg sind Spezialeinsatzkräfte der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheiten (BFE) beteiligt. Zur Gesamtzahl der eingesetzten Beamten im Land gibt es aber aus einsatztaktischen Gründen noch keine Angaben.

Verfahren gegen 17 Hauptbeschuldigte

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) nannte die Großrazzia einen beispiellosen Schlag gegen "ein bundesweit verzweigtes Netzwerk". Viele hundert Menschen seien der menschenverachtenden grenzenlosen Profitgier von Schleusern über Jahre und Landesgrenzen hinweg ausgeliefert gewesen. "Diesem skrupellosen Vorgehen und der sexuellen Ausbeutung in einem abscheulichen Ausmaß konnte heute ein Ende gesetzt werden."

Der Bande wird vorgeworfen, vornehmlich thailändische Frauen und Transsexuelle zur Zwangsprostitution nach Deutschland eingeschleust zu haben – gegen ein Entgelt von zwischen 16.000 bis 30.000 Euro, das diese dann in "Massagestudios" hätten abarbeiten müssen. Es geht um den Verdacht auf:
  • Gewerbs- und bandenmäßiges Einschleusen von Ausländern
  • Zwangsprostitution
  • Zuhälterei
  • Vorenthalten von Arbeitsentgelt
  • Steuerhinterziehung
Im Fokus der Kriminellen standen nach Erkenntnissen der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main bevorzugt Transsexuelle, die mit hohen Verdienstmöglichkeiten als Prostituierte nach Deutschland gelockt worden seien. Die Betroffenen hätten dann zumeist in Wohnungsbordellen - beispielsweise in Gewerbegebieten oder auch im ländlichen Raum - gearbeitet. Die mutmaßlichen Täter hätten so ein spezielles Segment im Rotlichtmilieu in Deutschland besetzen wollen.

Hauptverdächtige lebten in Siegen

Die Generalstaatsanwaltschaft geht davon aus, dass die 59-jährige Hauptbeschuldigte mit Helfern in Thailand Prostituierte angeworben und mit erschlichenen Touristen-Visa ausgestattet hat. In Deutschland angekommen, sollen die Angeworbenen zunächst überwiegend in drei Bordellen in Siegen der Prostitution nachgegangen sein, die seit 2006 von der 59-Jährigen und ihrem deutschen Lebensgefährten betrieben wurden. Die Einnahmen sollen von der Hauptbeschuldigten zunächst vollständig einbehalten worden sein - zur Begleichung der angeblichen Schleusungskosten von bis zu 36.000 Euro, für Miete und Verpflegung.

"Nach einer gewissen Verweildauer in den Siegener Bordellbetrieben sollen die Prostituierten in einer Art Rotationsprinzip in andere Bordellbetriebe des Netzwerks im gesamten Bundesgebiet verbracht worden sein", erläuterte der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft.

Auch später soll die Hauptbeschuldigte dann einen Großteil der Einnahmen der Prostituierten über die örtlichen Bordellbetreiber erhalten haben. "Das ist wie so eine Art Schneeballsystem", sagte der Behördensprecher. Den Prostituierten seien bei einer Tätigkeit in Deutschland Gewinnversprechen gemacht worden, profitiert hätten dann aber vor allem die Drahtzieher. "Den Zweck hat man nicht verheimlicht, sie sind aber über die Konditionen getäuscht worden."

Das Ermittlungsverfahren der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt wird wegen des Verdachts des gewerbs- und bandenmäßigen Einschleusens von Ausländern, der gewerbs- und bandenmäßigen Zwangsprostitution, der Zuhälterei, des Vorenthaltens und Veruntreuens von Arbeitsentgelt sowie der Steuerhinterziehung geführt. Es richtet sich gegen insgesamt 56 Beschuldigte im Alter zwischen 26 und 66 Jahren, davon 41 Frauen und 15 Männer.

Verdacht auf illegalen Aufenthalt

Laut Bundespolizei werden 15 bis 20 Personen deutscher und thailändischer Nationalität zum Kern der Bande gezahlt, die der Organisierten Kriminalität zugerechnet wird. Viele der Festgenommenen wurden in den durchsuchten Bordellen und Massagesalons angetroffen. In zahlreichen Fällen bestehe zumindest der Verdacht des illegalen Aufenthaltes.

Regionale Schwerpunkte der Razzia waren Nordrhein-Westfalen mit 17 durchsuchten Einrichtungen, Hessen (10), Niedersachsen und Baden- Württemberg (je 9), teilte die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt mit. Ausgangspunkt der monatelangen Ermittlungen im Rotlichtmilieu war ein Verfahren der Staatsanwaltschaft Hanau in Hessen.

Der bundesweiten Razzia gegen Organisierte Kriminalität im Rotlichtmilieu am Mittwoch sind monatelange Ermittlungen vorausgegangen. Ausgangspunkt war ein Verfahren der Staatsanwaltschaft Hanau in Hessen: Im Frühjahr 2017 sei dieses von der Eingreifreserve der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt/Main übernommen worden, berichtete Oberstaatsanwalt Alexander Badle. Die Ermittlungen nahmen dann einen immer größeren und bundesweiten Umfang an.

 Die Bundespolizei hat mehr als 100 Personen vorläufig festgenommen. Sieben Haftbefehle wurden vollstreckt, wie ein Sprecher der Bundespolizei am Mittwochvormittag in Siegen sagte.