Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

20. Mai 2017

"Kenzingen hat etwas Besonderes"

Der Stadtplaner und Mobilitätsforscher Tim Lehmann plädiert für möglichst wenig Autos in der Kenzinger Hauptstraße.

  1. Die Zukunft der Kenzinger Innenstadt wird aktuell intensiv diskutiert. Am Mittwoch referierte ein Stadtplaner und Mobilitätsforscher auf Einladung der CDU. Foto: Archivfoto: Gollrad

  2. Die Zukunft der Kenzinger Innenstadt wird aktuell intensiv diskutiert. Am Mittwoch referierte Stadtplaner und Mobilitätsforscher Tim Lehmann auf Einladung der CDU. Foto: Archivfoto: Gollrad

KENZINGEN. Der Vortag "Quo vadis Kenzingen – Stadt für Autos oder Stadt für Menschen" war gut besucht. Der CDU-Stadtverband hatte den Termin mit dem Stadtplaner und Mobilitätsforscher Tim Lehmann organisiert. Gemeinderäte, Geschäftsleute und interessierte Bürger drängten sich am Mittwochabend im Nebenzimmer des Gasthauses Beller.

Tim Lehmann lebt und arbeitet in Berlin. Einen Bezug zu Kenzingen hat er seit Jahrzehnten: Sein Vater ist mit Ehrenbürger Hermann Kaspar befreundet, die Familie hat ein altes Haus in der Stadt. Tim Lehmann behält es im Auge und verbringt regelmäßig seinen Urlaub in der Stadt. "Kenzingen hat etwas Besonderes", sagte er. Es sei "klein, aber sehr charmant". Deshalb war er gern bereit, aus seiner Sicht "ein paar Impulse" zu geben. An den Anfang stellte er aktuelle Trends aus seiner Arbeit in Berlin wie Urbanisierung, Teilen statt benutzen, und die neue Mobilität mit E-Autos und E-Bikes, City-Logistik und Mobility Apps. "Mobilität ändert sich", sagte Lehmann. Er sieht das Land gegenwärtig in einer Zeit des Umbruchs, in der keiner genau wisse, wo es hingehe.

Werbung


Neues brachte Lehmann zur Frage der Parkplätze, die überall jede Diskussion zur Stadtentwicklung beherrscht. "Jeder Stellplatz weniger ist ein Gewinn", sagte er. Er geht davon aus, dass mehr Platz für Fußgänger in der Stadt für mehr Leben und damit auch für mehr Kunden sorgt. Aus seiner Sicht ist er für ein Kenzingen, in dem die Autos so weit wie möglich draußen parken, der Brunnen wieder mitten auf der Straße steht und die Stadt vielleicht sogar mit dem Bau von modernen Stadttoren an alter Stelle Akzente setzt. "Die Hauptstraße muss zum Wohnzimmer von Kenzingen werden – dann habt Ihr es geschafft", sagte er.

Lehmann brachte neben den kühnen Visionen auch Zahlen mit. Sie betrafen Platzbedarf und Umsatz. Jedes Auto braucht Platz für zehn Fahrräder oder 20 Fußgänger. Deshalb sei jedes Auto weniger ein Gewinn für alle anderen Nutzer. Es gibt aber auch die Umsatzzahlen: Jeder Kunde mit Auto macht einen durchschnittlichen Umsatz von 50 Euro, mit dem Fahrrad von 35 Euro und als Fußgänger runde 25 Euro. Das brachte ihm den Vorwurf der HuG-Vorsitzenden Birgit Hornecker ein, "extrem schizophren" zu argumentieren. "Das ganze Thema ist schizophren", sagte Lehmann. Er sieht die entscheidende Frage darin, wo die Schwerpunkte gesetzt werden, um "Atmosphäre" in der Stadt zu schaffen.

Die anschließende Diskussion brachte einige Fragen, aber auch neue Erkenntnisse. "Wir haben viel zu viele Parkplätze und trotzdem die Misere mit den Leerständen", stellte Hermann Kaspar fest, der die Stadt auch aus Sicht als Stadtführer kennt. Werner Bürk, Geschäftsmann und Gemeinderat, nahm für sich eine Anregung mit. "Wir müssen vielschichtiger und komplexer diskutieren und uns dabei auch von einigen festgefahrenen Ansichten trennen", meinte er.

Autor: Ilona Hüge