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18. Juli 2012 07:16 Uhr

Sundgau

Kilianstollen: Archäologie des Ersten Weltkriegs

Munitionsgürteln, Taschenlampen, Pfeifen – und Gebeine: Die Relikte der 21 Soldaten im Kilianstollen im Südelsass sind geborgen und werden derzeit für Ausstellungen konserviert.

  1. Restauratorin Solenne Milbled mit einer verkrusteten Plakette aus dem Kilianstollen Foto: Nückles/Mahro

  2. Schaurig: Auch die Gebeine Verschütteter wurden geborgen.

Drei Monate lang haben im vergangenen Herbst elsässische Archäologen im Sundgau den Kilianstollen ausgegraben – einen Unterschlupf aus dem Ersten Weltkrieg, in dem deutsche Soldaten verschüttet worden waren. Jetzt präsentierten sie ihre Ergebnisse.

Oxidiertes Zink und Erde haben in 94 Jahren die Plakette des Soldaten zusammengebacken mit seinem Zigarettenetui und sie fast unkenntlich gemacht. Auf der Unterseite kleben noch Reste von Streichhölzern. "Mit Funden von Leder, Textilien oder Zink haben wir bei Ausgrabungen höchst selten zu tun", sagt Solenne Milbled, Restauratorin am elsässischen Amt für Archäologie in Sélestat. Im Labor versuchten die Fachleute zunächst, das Stück zu reinigen, letztlich rückten sie ihr mit Röntgenstrahlen zu Leibe.

Die Plakette gehört zu den Funden aus dem Kilianstollen, der dem Bau einer Umgehungsstraße bei Altkirch weichen musste. Die Geschichte, die hinter dieser Grabung steckt, spielte sich am 18. März 1918 ab. Bei Carspach im Südelsass lagen deutsche und französische Soldaten in ihren Frontstellungen. Unter dem Granathagel der französischen Armee wurden deutsche Soldaten des 94. Regiments in einem 150 Meter langen Schutzgang verschüttet. 13 Männer wurden noch am Abend geborgen – fast alle tot. Einer der beiden Überlebenden starb während des Transports zur Krankenstation, der andere wenige Tage später im Militärkrankenhaus Lörrach. Als das Regiment Anfang April in die Picardie verlegt wurde, blieben die übrigen Toten, 21 Männer im Alter von 20 bis 39 Jahren, in einem verbarrikadierten Teil des Kilianstollens zurück.

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In der Zeit nach dem Krieg geriet das Bauwerk in Vergessenheit, mit ihm die Verschütteten des Ersten Weltkriegs. Erst der Straßenbau brachte die Stellung wieder in Erinnerung. Der Archäologe Michaël Landolt führte 2007 bei Carspach Probegrabungen durch. Danach stand fest: Bevor hier jemand eine Straße baut, sollten Archäologen ans Werk.

Nachdem die Bagger sechs Meter Erdreich abgetragen hatten, gingen die Wissenschaftler mit feinerem Gerät ans Werk. Sie bargen Gebeine Verschütteter, deren Habseligkeiten aus dem Stollen sowie die Holzbalken, die in Kontakt mit Licht und Luft bald zu faulen begannen. Es handelte sich um die 1918 im Kilianstollen zurückgelassenen 21 Soldatenleichen mitsamt deren persönlichem Eigentum, ihren Waffen, Munitionsgürteln, Taschenlampen, Pfeifen, mit Schaufeln, deren Holzstiele wegen der Enge in dem 1,10 Meter schmalen Gang abgesägt waren. In einer Müllgrube fanden sich Scherben von Geschirr, Senfgläsern, Kölnischwasserflaschen und Tintengefäßen.

Vor allem die empfindlichen Stücke aus Stoff oder Leder fordern die Konservatoren jetzt heraus. Am Ausgrabungsort wurden sie in Cellophan oder Kunststoffbeutel verpackt und in Sélestat, wo die Basis des Amtes für Archäologie im Elsass beheimatet ist, in einer Kältekammer oder in einem Raum mit geringer Luftfeuchtigkeit eingelagert. Die Soldbücher der Soldaten wanderten geradewegs in den Gefrierschrank, weil Frost Schimmel und damit den Zerfall aufhält. Demnächst sollen sie in einem Speziallabor in Konstanz konservatorisch behandelt werden – wie vor ihnen die Balken aus dem Stollen

Ausgrabungsfunde werden in

Straßburg und Dresden gezeigt

Möglichst schon im kommenden Jahr sollen die Ausgrabungsfunde aus dem Kilianstollen in einer Dauerausstellung in Altkirch zu sehen sein. Ein Jahr später, wenn Deutschland und Frankreich des Ersten Weltkriegs gedenken, präsentieren Straßburg und das Militärhistorische Museum in Dresden in Ausstellungen den Kilianstollen und seine Geschichte. Tausende Puzzleteile sollen sich bis dahin zu einem Bild vervollständigen. Würfel, Plaketten, Tabakspfeifen aus Bakelit und Holz, eine Trillerpfeife, lederne Brieftaschen, "Feinste & Beste Kopierstifte", wie die feingeprägte Schrift erzählt: All das liegt ausgebreitet auf einem Tisch in Sélestat. Doch welche Plakette gehört zu welchen Gebeinen? Welcher Stiefel zu welchem Menschen? Was verrät ein Schädel, dessen Bruchstücke mit Klebeband zusammengefügt sind? Hat die Feuchtigkeit des Erdreichs die Knochen der Toten so dunkel gefärbt? Monate nach dem Ende der Grabung bleiben viele Fragen unbeantwortet.

Amélie Pelissier hat sechs von 21 Skeletten untersucht. "Unsere Realität entspricht leider nicht der Darstellung in Kriminalfilmen", sagt sie. Mit den gängigen Methoden sei nur eine ungefähre Altersbestimmung möglich. "Wie treffsicher sie ausfällt, hängt im Einzelfall von der Lebensgeschichte und von der Arbeitsbelastung des Einzelnen ab." Abnutzungen und Kerben an den Knochen zeigen wie bei den in Carspach verschütteten Soldaten, ob der Tote häufig geritten ist, in welcher Position er gearbeitet haben muss. Auch das Gebiss kann Hinweise auf die Identität geben. "Verschiedene Informationen müssen zusammentreffen, damit wir sie zuordnen können."

Ende 2012 sollen die Gebeine dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge überstellt werden. Bis dahin muss das Puzzle zusammengesetzt sein.

Autor: Bärbel Nückles


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