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03. Juli 2012
Kinder sehen Zeichen der Schöpfung
In Heuweilers Kindergarten versuchen die Erzieherinnen abstrakte Begriffe zu vermitteln / Kinder lernen spielend.
HEUWEILER. "Es muss doch mehr als alles geben" – mit diesem kraftvollen Satz haben die Erzieherinnen des Heuweiler Kindergartens "Sonnenhügel" ihr Jahresthema überschrieben. Schon seit September fragen sie gemeinsam mit den Kindergartenkindern nach dem Ursprung, dem Warum, dem Wie und Wer. Einen reichen Schatz an Impulsen bietet dabei Bibel. Sie erforschen "Un-Begriffe", etwa "un-sichtbar", "un-zählbar" oder "un-endlich" und inspirieren sich gegenseitig.
"Als hätte sich die Welt gedreht und ich dreh’ mich. Mir ist ganz schwindelig", sagt die kleine Esra. Gerade ist sie der Linie der im Hof aufgemalten Spirale gefolgt. Immer enger wurden die Kurven nach innen, dann wieder großzügiger und immer weiter nach außen – in unzähligen Umdrehungen lässt sich die Bewegung unendlich fortsetzen. Gemeinsam mit der Kunstpädagogin Nicola Moser erkunden die Drei- bis Sechsjährigen die Spirale mit ihren Sinnen. Die stellt in allen Kulturen ein heiliges Symbol dar, ist Zeichen der Schöpfung, des Lebens und der Unendlichkeit. Sie steht für Bewegung, Zentrierung nach innen, Öffnung und Ausbreitung nach außen. In der Ohrmuschel der Freundin, im eigenen Fingerabdruck oder auch in einem Wirbelsturm entdecken die "Sonnenhügel"-Kinder die Spirale. Sie erinnern sich daran, zu Fastnacht selbst schon eine ausgeschnitten zu haben, und denken ans Labyrinth im Maisfeld. Dann dürfen sie selbst ans Werk gehen und mit leuchtend bunten Pastellkreiden "ausdrücken, was ihr im Herzen und im Gefühl habt", um so "das Sichtbare und das Unsichtbare einander begegnen zu lassen", wie es Nicola Moser ausdrückt. Virtuos wirbelnde, tanzende Flötenklänge inspirieren die kleinen Künstler bei ihrem Schaffen.Werbung
Mit dem Jahresthema "Es muss doch mehr als alles geben" hatte das Team des "Sonnenhügels" Neuland betreten. In der Vorbereitung darauf hatten die Erzieherinnen sich über ihre eigene Weltanschauung und Spiritualität ausgetauscht. "Den Fragen der Kinder Raum geben (…) nicht gleich die "richtige"Antwort als Erwachsener geben, sondern (…) die Kinder selbst eine Antwort finden lassen", lautete schließlich die selbst gestellte Aufgabe. "Es ist spannend und man weiß nicht, was dabei herauskommt", sagt Susanne Rutgers, die Leiterin der Einrichtung, "aber es ist toll, dass wir Menschen an diesem unendlich Vielen teilnehmen können." Angefangen mit der Schöpfungsgeschichte, in Einklang gebracht mit der Evolution, erforschten die Sonnenhügelkinder etwa Phänomene wie "hell" und "dunkel". Sie erlebten, dass man mit Streichholz, Feuerzeug, Kerze und Glühbirne zwar viel Helligkeit erzeugen, jedoch nicht das Tageslicht ersetzen kann. Um zu erfahren, was "unzählbar" ist, experimentierten die Kinder mit einem Teelöffel. So haben eine Holzkugel, fünf Murmeln, 13 Kidneybohnen, 33 Erbsen und eine unzählbare Menge Sandkörnchen darauf Platz.
"Unsichtbar, das ist die Luft", sagt der vierjährige Luis, und weil es nur Luft ist, so Jannick, könne man Sturm nicht sehen. Sehr wohl aber könne man, so Susanne Rutgers, die Wirkung dieser Kraft erkennen: das Blätterrauschen hören oder die Bewegung von Gräsern im Wind sehen. So lässt sich die Brücke zu Pfingsten schlagen, dem Fest des Heiligen Geistes. Ebenso wenig wie Gott und Jesus könne man ihn als dritte Gotteskraft sehen, seine Wirkung allerdings sehr wohl spüren. Einen pragmatischen Zugang zum Begriff "unsichtbar" hat die fünfjährige Frieda: "Wir können auch Bilder malen mit unsichtbarer Wasserfarbe, ohne Farbe, nur mit Wasser!" Gesagt, getan.
Autor: Gabriele Fässler



