Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

05. April 2013 18:00 Uhr

Obersasbach

Kinder ziehen jungen Dachs auf

Ungewöhnlicher Familienzuwachs bei einer Familie aus Obersasbach – sie zieht ein kleines Dachs-Findelkind auf. Und sie weiß: Beim Trinken aus dem Fläschchen darf laut geschmatzt werden.

  1. Leon und Ronja freuen sich über ihr neues Familienmitglied. Foto: Donath

  2. Ein Dachs darf schmatzen.

Einen ungewöhnlichen Mitbewohner hat die Familie Guggenbühler aus Obersasbach aufgegabelt: einen kleinen Dachs. Fast wäre er ertrunken, nun hat er bei der Jägerfamilie ein neues Zuhause und wird mit der Flasche aufgepäppelt.

"Ich hörte an einem Samstagnachmittag so merkwürdige Geräusche von draußen, es klang wie leises Bellen", erzählt Helga Hund. Die Wohnung der Familie ist an drei Seiten von Rebzeilen umgeben. Wildtiere sind in dieser Lage keine Seltenheit. Auch Dachse hat sie schon gesehen.

Vor dem Ertrinken gerettet

Die Geräusche erinnerten sie an die Erzählung einer Nachbarin, die eine Woche zuvor unter dem Gitter eines Regenschachts zwei junge Dachse gesehen hatte. Inzwischen hatte es heftig geregnet und über eine offene Dohle floss ein kräftiges Rinnsal durch die Rebzeile bergab.

Als Helga Hund zusammen mit ihrer Tochter Selina (12) dem Geräusch nachging, fanden sie in der Rinne, unweit der geschlossenen Röhre unter dem Weg, zwei junge Dachse. Einer von ihnen war bereits tot, der zweite schnappte im fließenden Wasser nach Luft. Sie wickelten das durchnässte Tier in eine wärmende Decke und setzten es zuhause in ein Körbchen, wo es sich rasch beruhigte.

Werbung


Tierschutzverein nicht zuständig

Doch was macht man mit einem jungen Dachs? Der Tierschutzverein erklärte sich für nicht zuständig, weil es sich um ein Wildtier handelt. Ein Förster empfahl, das Tierchen am besten mit einem Schlag ins Genick zu töten, weil es ohnehin keine Überlebenschance habe, aber das wollten die beiden Lebensretterinnen auf keinen Fall. Ein zweiter Förster riet dazu, das "Findelkind" über Nacht an die Fundstelle zurückzubringen, damit es die Mutter gegebenenfalls zurückholen könne.

Bangen Herzens setzte Helga Hund das Fellknäuel mitsamt dem Körbchen und der Decke wieder in der mittlerweile trockenen Dohle aus. Dort fand sie es auch am nächsten Morgen wieder. Schon am Vorabend hatte der sofort informierte Jagdpächter Ernst Guggenbühler erklärt, "Wenn er die Nacht überlebt, nehme ich ihn", und so erhielt der Jungdachs Asyl in der Obersasbacher Brunnenstraße.

Aus dem Jungdachs wird ein Frechdachs

Jetzt, vier Wochen später, ist aus dem Jungdachs schon ein kleiner Frechdachs geworden. "Rosalie", wie ihn die Pflegeeltern genannt haben, klettert schon selbständig aus dem etwa 40 Zentimeter hohen Wäschekorb. Mit lauten Quietschtönen läuft er seinem Ziehvater Ernst Guggenbühler morgens zum Hühnerfüttern hinterher und versetzt das Federvieh in Panik, wie der Hobby-Jäger erzählt.

Besondere Freude an dem ungewöhnlichen Haustier haben die Enkel Leon (8) und Ronja (6), die mit ihren Eltern im Nachbarhaus wohnen. Gerne übernimmt Leon das "Fläschchen geben". Dreimal täglich saugt Rosalie mit hörbarem Behagen 125 Gramm Vollmilch aus dem Baby-Schoppen.

Was, wenn Rosalie "ranzig" wird?

Gedanken macht sich unterdessen Hausherr Ernst Guggenbühler, was mit dem jetzt noch niedlichen Spielgefährten geschehen soll, wenn er heranwächst. Dachse sind Waldtiere, die vor allem nachts unterwegs sind. Sie sind Allesfresser – neben Wurzeln, Pilzen und Waldfrüchten fressen sie auch Insekten, Würmer, Schnecken, Frösche und Mäuse. Ihn einfach auszusetzen, nachdem er sich an Menschen gewöhnt hat, hielte der Jäger für frevelhaft.

"Mal abwarten, wie er sich entwickelt". Spätestens wenn Rosalie "ranzig" wird, wie die Jäger den Eintritt der Geschlechtsreife nennen, werde sie wohl selbst die Freiheit suchen, aber das, schätzt Guggenbühler, werde wohl erst im nächsten Sommer der Fall sein. Falls sie vorher bissig werden sollte, bleibe wohl nur die Dachsauffangstation in Karlsruhe als Alternative. Im Wildtiergehege von Breitenbrunnen würden die Wildschweine den Dachs wahrscheinlich nicht annehmen, vermutet der Waidmann, der selbst noch nie einen Dachs geschossen hat und auch nicht schießen würde. "Sie richten kaum Schaden an."

Mehr zum Thema:

Autor: Claus Donath