Alice ohne Wunderland

Dieter Osswald

Von Dieter Osswald

So, 11. November 2018

Kino

Der Sonntag Der Rohdiamant Reise nach Jerusalem: Eva Löbaus verzweifelter Kampf um Würde und Gerechtigkeit.

Arbeitswelten und arme Menschen kümmern das deutsche Kino selten. Eine bittersüße Komödie à la Mike Leigh daraus zu machen, wäre die absolute Rarität. Die italienische Regisseurin Lucia Chiarla hat sich nicht irritieren lassen. Und nach diversen Absagen von Filmförderern und Sendern mit ganz kleinem Geld ein ziemlich großartiges Debüt hingelegt – bereits der verspielte Titel "Reise nach Jerusalem" klingt lässiger als die bräsigen Überschriften vieler heimischer Werke.

"Bewerben ist wie Tanzen gehen, nur anders!" tönt der Seminarleiter. Das Jobcenter hat die 39-jährigen Alice zur Teilnahme an dem elendig öden Kurs zwangsverpflichtet. Als die gedemütigte Journalistin den bürokratischen Qualen ein Ende macht, schlägt das Sachbearbeiter-Imperium zurück und streicht alle Bezüge.

Das geerbte Sparbuch der Oma? Haben die Eltern für ihr Wohnmobil verjubelt! Bald bleiben nur noch zusammengekratzte Cent-Stücke, um die Einkäufe zu bezahlen. Zur Not klaut man kleinen Kindern schon mal die Kekse: Erst kommt bekanntlich das Fressen, dann die Moral. Die Abwärtsspirale dreht sich für die Heldin unbarmherzig weiter, statt Alice im Wunderland gibt es die Geschichte der chronischen Pechmarie. Bei Bewerbungsgesprächen via Skype bricht ständig die Leitung zusammen. Warteschleifen am Telefon entpuppen sich als kafkaeske Fallen. Als schließlich doch ein passender Job winkt, hält das Schicksal bereits eine besonders üble Falle bereit. Betrunken E-Mails zu schreiben, ist allerdings die ganz alleinige Schuld des einsamen Singles. Zum Glück lockt als Trost der hübsche neue Nachbar. Ein verlockender Italiener, jedoch mit einem kleinen Geheimnis.

Mit Eva Löbau ist dieses Stehauf-Frauchen perfekt besetzt. Ihr nimmt man von Beginn an die Verzweiflung beim Kampf um ein bisschen Würde und Gerechtigkeit ab. Mit ihr muss man ganz einfach mitleiden – oder mitfiebern, wenn sich am Ende des Tunnels ein Licht zeigt.

So perfekt die Hauptrolle, so überzeugend fällt die Konzeption und Besetzung der Nebenrollen aus. Die nörgelnden Eltern werden mit ganz wenigen Strichen ebenso perfekt skizziert wie jene ehemaligen Kollegen, denen die Fassade der erfolgreichen Frau vorgespielt werden muss. Warmherzig, kurzweilig und mit kluger Komik – welcher deutsche Film kann das schon von sich behaupten? Das Potenzial von solchen Rohdiamanten zu verkennen und dafür die üblichen Stümper zu subventionieren, kennzeichnet das notorische Versagen der verkrusteten Förderbürokraten. Ein Stühlerücken wäre dort notwendig – vielleicht ja als Reise nach Jerusalem.
Dieter Osswald
Reise nach Jerusalem, Bundesstart am Donnerstag