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14. September 2017

Kino

"Das Löwenmädchen" sucht seinen Platz im Leben

In der Literaturverfilmung "Das Löwenmädchen" lässt Regisseurin Vibeke Idsøe nicht richtig tief in ihre Charaktere blicken. Ein norwegisches Mädchen kommt mit Haaren am ganzen Körper zur Welt. Ihr Vater tut sich damit schwer und auch sie muss ihren Weg erst finden.

  1. Evas Körper ist behaart. Vor allem ihr Vater leidet darunter. Foto: dpa

Gustav Arctander betrachtet stolz seine Tochter, das Mädchen mit dem hübschen Lächeln und dem blonden Zopf. Ein seltener Moment. Beide fahren aus dem ländlichen Norwegen nach Kopenhagen – und für kurze Zeit scheinen sie ihre Sorgen zu vergessen. Eva schaut begeistert aus dem Zugfenster, an dem die Landschaft vorbeizieht, wie ein nie gesehener Film. Es ist die erste große Reise für Eva. Ihr Vater grinst mit erröteten Wangen vor sich hin – er scheint völlig losgelöst. Bis er die Blicke der Nachbarn spürt.

Neugierig, sensationslustig, unverschämt sehen sie herüber. Seine Tochter schaut ihm tief in die Augen und sagt: "Gar nicht beachten!" Eva weiß sehr wohl, warum sie starren. Ihr Gesicht, ihr Hals, ihre Hände sind behaart. Das sehen alle. Ihr gesamter Körper ist aufgrund eines Gendefekts mit einem Fell bedeckt. Rasieren bringt nichts, das hat der Arzt Gustav kurz nach Evas Geburt gesagt. Das mache es nur noch schlimmer.

Nach der Romanvorlage des Norwegers Erik Fosnes Hansen hat die Regisseurin Vibeke Idsøe einen Film geschaffen, der dank der nostalgischen Kostüme und Kulissen punkten kann und den Zuschauern die Frage stellt: Was bedeutet Schönheit? Wie sehr bestimmen die Vorstellungen von Perfektion unser Leben?

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Der Film beginnt mit Evas Geburt Anfang des 20. Jahrhunderts: Als Eva auf die Welt kommt, stirbt ihre Mutter. Das Aussehen seiner Tochter macht dem Vater zusätzlich zu schaffen. Erst allmählich und dank des fröhlichen Kindermädchens Hanna kann er sich an das "Monster", wie er Eva beim ersten Anblick nennt, gewöhnen. Jedoch nur zu Hause. Sobald Eva den Versuch unternimmt, an der Welt da draußen teilzunehmen, bestraft er sie. Schaut sie auch nur aus dem Fenster und riskiert den neugierigen Blick der Menschen, sperrt Gustav sie in eine dunkle Kammer. Einzelne Versuche in der echten Welt zu existieren, scheitern an der Angst des Vater, der Neugier der Menschen, an enttäuschenden Begegnungen.

Bis die zwei eben jene Reise unternehmen, die zunächst Hoffnungen weckt, ein normales Leben zu führen. Ein Dermatologenkongress in Kopenhagen verspricht Heilung. Doch auch hier merkt das "Löwenmädchen" bald, dass es lediglich Attraktion und weniger Patient ist.

Leider schafft es der Film erst spät, den Zuschauer wirklich zu bewegen. Dazu fehlt die Nähe zu den Figuren Gustav, gespielt von Rolf Lassgård (siehe Ticket-Interview), bekannt aus den Filmen um Kommissar Kurt Wallander, und Eva, die aufgrund der langen Erzählzeit von mehreren Schauspielerinnen gespielt wird. Man kann nie richtig in sie hineinblicken. Vielleicht weil sich der Film nicht recht entscheiden kann, wessen Schicksal er behandelt. Ist es das des Vaters, der zwischen Scham, Stolz, Angst und Fürsorge für seine Tochter schwankt und den die Zerrissenheit verzweifeln lässt? Oder ist es die Perspektive von Eva, die sich ständig fragt, wo sie hin gehört im Leben und wer sie sein will, wenn nicht einfach nur das Löwenmädchen.

"Das Löwenmädchen" (Regie/Buch: Vibeke Idsøe) läuft in Freiburg, Lahr und Offenburg. Ab 12.

Autor: Sophia Hesser