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17. August 2008 12:57 Uhr
Roman Polanski wird 75
Der Filmer und sein Dämon
"Rosemaries Baby" und "Chinatown" sind frühe Erfolge des Filmregisseurs. Für "Der Pianist" erhielt Roman Polanski den Oscar für die beste Regie. Sein Leben bündelt die Schrecknisse und Verrücktheiten eines Jahrhunderts. Jetzt wird Polanski 75.
Wenn ein Künstler mit Preisen für sein Lebenswerk in Serie bedacht wird, deutet das daraufhin, dass man ihn bereits abgeschrieben hat. Roman Polanski, der heute ein Dreivierteljahrhundert alt wird, darf dies schon seit fast zehn Jahren erfahren. Den Europäischen Filmpreis für sein Lebenswerk hat er sogar gleich zwei Mal bekommen. Dazu Bayerischer Filmpreis, Filmfestival Karlsbad (Tschechien) – allesamt Auszeichnungen fürs Lebenswerk. Eingeleitet zu einer Zeit, da manche Kritiker im Angesicht von Filmen wie "Bitter Moon", "Der Tod und das Mädchen" oder "Die neun Pforten" schon Polanskis Niedergang attestierten.
Der Regisseur hat sich nicht davon beeindrucken lassen. Richtig, sein 130-Millionen-Dollar-Filmprojekt "Pompeji" von 2007 scheint gescheitert. Doch zwei seiner besten Filme entstammen diesem Jahrhundert: "Oliver Twist" (2005) und "Der Pianist" (2002) über den jüdisch-polnischen Klaviervirtuosen Wladyslaw Szpilman und sein Schicksal im Warschauer Ghetto. Letzterer – gleichsam Aufarbeitung seines persönlichen Schicksals – brachte Polanski seinen bislang einzigen Oscar. Für die beste Regie. Nominiert dafür war er übrigens schon 1974 ("Chinatown") und 1979 ("Tess"). Entgegennehmen durfte er den Oscar ohnedies nicht persönlich, wurde Polanski doch 1978 in den USA wegen Verführung einer Minderjährigen zu sexuellen Handlungen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Ein Urteil, das noch immer in Kraft ist und dessenthalben der Regisseur als französischer Staatsbürger nicht zuletzt seitdem in Paris lebt.
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Allesamt Splitter aus einem Leben, das wie im Zeitraffer-Format die Schrecknisse, Irrnisse und Verrücktheiten eines Jahrhunderts in sich bündelt und vielleicht gerade dadurch diese enorme künstlerische Potenz bekam. Als Sohn jüdisch-polnisch-französischer Eltern – nur der Vater überlebte das KZ mit knapper Not – vollzog sich Polanskis menschlich-künstlerische Entwicklung unter dem Eindruck der Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Das "Böse" ist bei ihm stets präsent, in seinem Leben wie in seinen Filmen. Es lauert im Kopf, zeigt sich in Trieben ebenso wie in unverhohlener Aggression, exemplarisch nachzuvollziehen in einem seiner besten Streifen: "Chinatown" (1974) – der Apotheose des Film noir schlechthin. Und nicht selten gehen Realität und Fiktion merkwürdige Verbindungen ein. Wie 1969, ein Jahr nach seinem Okkult-Thriller "Rosemaries Baby" (mit Mia Farrow in der Rolle ihres Lebens), als Polanskis zweite Frau Sharon Tate, im achten Monat schwanger, von Anhängern einer satanischen Sekte brutal niedergemetzelt wurde. Polanskis Antwort hierauf war seine blutig-düstere "Macbeth"-Verfilmung (1971), der er zwei Jahre später eines seiner absurdesten und surrealsten Werke folgen ließ: "Was?": eine Satire auf die sexuellen Verirrungen eines schwer an Dekadenz erkrankten Bürgertums in hinreißender Starbesetzung.
Polanski hat stets versucht, gegen dieses Spießbürgertum und seine Konventionen zu opponieren, und wurde doch manchmal zu dessen Kombattanten. Seine Regiearbeiten für die Bühne waren medioker, vom Münchner "Rigoletto" bis zur Musicalfassung seines Filmklassikers "Tanz der Vampire". Der Widerspruch ist Teil der Identität des in dritter Ehe mit der Schauspielerin Emmanuelle Seigner verheirateten Regisseurs. Und vermutlich gehört in dieses Kapitel auch jene dunkle Nacht von 1977, in der Polanski die damals 13-jährige Samantha Geimer vergewaltigt haben soll. Gewalt hat den Regisseur immer wieder wie einen Dämon begleitet. Sein Opfer von einst hat übrigens gerade erst um Gnade für Polanski in den USA gebeten. Er habe für seine Tat genug gebüßt. Eine noble Geste zum Geburtstag.
Autor: Alexander Dick
