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20. September 2008

Die Begehrteste, die Teuerste

Am 23. September wäre sie 70 geworden: Romy Schneider

  1. Ein Versprechen und ein Rätsel: Romy Schneider, um 1970 Foto: epd

"Tragisch" ist das Wort, mit dem Leben und Tod Romy Schneiders immer wieder beschrieben werden. Tragisch, weil sie doch lange so unvorstellbar strahlend erschien durch ihre Schönheit, ihre Erfolge. Romy Schneider, die begehrteste Schauspielerin, die Deutschland je hatte, die bestbezahlte in Frankreich zu ihrer Zeit, die berühmte Regisseure ebenso wie die Menschen im Kinosaal bannte durch ihre erotische Präsenz, wäre am 23. September 70 Jahre alt geworden. Sie starb 1982 in Paris, frühmorgens nach einer langen Mainacht, allein mit der leeren Flasche.

"Ende einer Nacht" heißt denn auch der Roman – eine der zahlreichen Veröffentlichungen, die pünktlich zum Jahrestag erscheinen –, in dem Olaf Kraemer aus der Perspektive Romy Schneiders deren letzte Stunden fantasiert. Die Erzählperspektive ist ein Wagnis, lässt sie doch fürchten, hier bemächtige sich einmal mehr jemand dieser Frau, deren Unglück nicht zuletzt darin bestand, dass sie ihr Leben lang manipuliert und benutzt worden ist; von ihren Eltern, Liebhabern, den Medien. Doch Kraemer erliegt zwar bei den Männerfiguren um Romy einigen Klischees, entwickelt die Gedanken, Erinnerungen und (Wunsch-)Träume seiner Romanfigur aber mit einer überzeugenden Mischung aus einfühlender Fantasie und respektvoller Zuneigung. Für ihre Wut, Angst, Sehnsucht und Trauer findet er so intensive Bilder, dass man hineingezogen wird in die Spannungen , die Romy Schneider lebenslang aufgerieben haben.

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Um Kraemers Roman zu verstehen, muss man Romy Schneiders Leben und Filme kennen. Auch dazu gibt es jetzt etliche Neuerscheinungen. Knapp und leserfreundlich präsentiert Thilo Wydra eine Übersicht über Leben, Werk und Wirkung der Actrice. Allerdings legt er sie gleich im Vorwort auf eine haltlose Existenz im Sog von Drogen und Affären fest, ohne die stabilisierende, identitätsstiftende Funktion, die ihre künstlerische Arbeit für sie hatte, hier auch nur zu erwähnen.

Was Wydra auf handliches Taschenformat bringt, dem widmet Günter Krenn über 400 Seiten. Wer die Muße hat, Krenns Weg den Filmen von Romy Schneider entlang zu folgen, bekommt ein facettenreiches Bild von den sie prägenden Ereignissen, Figuren und Entscheidungsprozessen . Zudem erscheint die Schauspielerin bei ihm nicht nur als unergründliche femme fatale, die die Menschen fasziniert und ins Verderben reißt, sondern als eine nachdenkliche, kluge Frau. Und auch bei der Bildauswahl bietet Krenn eindringliche neue Blicke von und auf Romy Schneider.

Sektgläser, Gäste, Romy aufgekratzt feiernd inmitten: "Was hätte sie an ihrem 70 Geburtstag gemacht? Was hätte man ihr wohl geschenkt?" Ausgehend von solchen Fragen nähert sich Frederick Baker Romy Schneider in seinem Dokumentarfilm "Eine Frau in drei Noten" wie einem Parfüm, beschreibt Kopf-, Herz- und Basisnoten ihrer Person und ihres Spiels. Dabei nutzt er geschickt die Möglichkeit, durch Bilder Bezüge unmittelbar sichtbar zu machen: Zusammenhänge zwischen Leben und Werk, Texten und Figuren, Filmszenen und Vorahnungen. Wer sich im Leben von Romy Schneider auskennt, findet hier zahlreiche Anstöße, neu über dessen (innere) Dynamik nachzudenken.
Ihre Ausstrahlung, ihr Aussehen waren ihr Kapital – aber selbst dessen war sie sich nie sicher, ließ an manchen Tagen bis zu dreieinhalbtausend Fotos machen von jenem "Gesicht, das die Zeit nicht zerstören kann", wie Claude Sautet glaubte, einer ihrer liebsten Regisseure. Ob er recht behalten hätte? Ihr früher Tod hat es vor den Spuren des Alterns, der Verzweiflung und Sucht bewahrt. Romy Schneider wird der Nachwelt immer als unendlich schön in Erinnerung bleiben, Fragen und Fantasien, Bewunderung und Bestürzung auslösen – überirdisch und abgründig zugleich, Versprechen und Rätsel in eins.

– Olaf Kraemer: Ende einer Nacht. Die letzten Stunden der Romy Schneider. Roman. Blumenbar Verlag, München 2008. 188 S., 17,90 Euro.
– Thilo Wyrda: Romy Schneider. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 160 S., 7,90 Euro.
– Günter Krenn: Romy Schneider. Die Biografie. Aufbau Verlag, Berlin 2008. 415 S., 24,95 Euro.
– Frederick Baker: Romy Schneider. Eine Frau in drei Noten. Dokumentarfilm, Sonntag, 21.9., 22.30 Uhr auf arte.

Autor: Gabriele Michel