Filmbesprechung

Die Erinnerung trügt in der Romanverfilmung "Vom Ende einer Geschichte"

Charlotte Janz

Von Charlotte Janz

Do, 14. Juni 2018 um 13:12 Uhr

Kino

Im preisgekrönten Roman von Julian Barnes und in der gleichnamigen Leinwandadaption mit britischer Star-Besetzung geht es um Selbstbetrug und geschönte Erinnerungen.

Die Vergangenheit holt Tony Webster nach vier Jahrzehnten ein. Im preisgekrönten Roman "Vom Ende einer Geschichte" des Briten Julian Barnes wie in der gleichnamigen Leinwandadaption. Drehbuchautor Nick Payne und Regisseur Ritesh Batra halten sich recht eng an seine Vorlage. Wie im Buch, dem nicht zuletzt durch eine Stimme aus dem Off Respekt gezollt wird, geht es im Film um Erinnerungen – darum, wie wir die Vergangenheit zurechtrücken, damit wir in der Gegenwart mit uns selbst leben können.

Eine unerwartete Erbschaft lässt Tony (Jim Broadbent), einen geschiedenen Mittsechziger und Besitzer eines kleinen analogen Kamera-Ladens in London, an seine Schulzeit denken. An seine erste Liebe Veronica (Freya Mavor), an seinen besten Freund Adrian (Joe Alwyn), an ihr unglückliches Liebesdreieck. Nur bekommt er Adrians Tagebuch, das ihm seltsamerweise Veronicas Mutter (eine nervöse, irritierend flirtige Emily Mortimer) vererbt hat, nie ausgehändigt. Veronica (im Alter wunderbar verhärmt und bissig verkörpert von Charlotte Rampling) hält es unter Verschluss.

Warum sie eine große Bitterkeit gegen Tony hegt, beginnt der erst zu verstehen, als ein Brief aus der Vergangenheit auftaucht. Der Brief aus Tonys Feder, in einem Anfall von jugendlicher Eifersucht geschrieben, könnte einem Stefan-Zweig-Roman entstammen. Nicht nur Barnes streut im Roman ganz unschuldig eine Referenz auf den Meister tragischer Wendungen ein. Auch der Film kann es sich nicht verkneifen.

Der indische Regisseur Batra ("Lunchbox") arbeitet mit zwei Timelines – der Vergangenheit, heraufbeschworen durch Rückblenden, und der Gegenwart. Im Heute geht es primär um die Aufarbeitung des Gestern. Harriet Walter gibt die bisweilen genervte, meist aber geduldige Ex-Ehefrau von Tony, die ihm ergeben dabei zuhört, wie er sich um sich selber dreht. Tonys Träume und Tagträume sind in "falschen" Flashbacks visualisiert, in denen dann Jim Broadbent anstelle von Billy Howle, der den jungen Tony gibt und eigentlich für Szenen aus der Vergangenheit zuständig ist, über eine Schulparty irrt.

Ein Kotzbrocken, aber liebenswert

Dass die Romanverfilmung gelingt, liegt vor allem an ihrem Hauptdarsteller. Jim Broadbents vom Leben ernüchterter Tony ist verschroben, egozentrisch und lässt seine mäßige Laune auch gerne mal am Postboten aus. Obwohl er in der Vergangenheit große Schuld auf sich geladen hat und, wie er gegenüber seiner Ex-Frau später eingesteht, oft "unsensibel, langweilig und ein gewaltiger Kotzbrocken" ist, gelingt es diesem Tony, irgendwie liebenswert zu sein. Und das ist allein Broadbents Verdienst: Der 1949 geborene britische Oscar-Preisträger ("Iris") mit den immer noch blitzblauen Augen vermag mit minimalistischem Mienenspiel maximale Tiefe zu vermitteln.

Je mehr Tony über die Vergangenheit herausfindet und seine Rolle in ihr, desto anständiger wird er in der Gegenwart. Auf einmal bittet er den Postboten auf einen Kaffee herein und ist seiner hochschwangeren Tochter (Michelle Dockery) im Kreißsaal tatsächlich eine Hilfe. Das ist übrigens der emotionalste Moment der Romanverfilmung. Angesichts der Tatsache, dass sich die Geschichte um Liebe und Selbstmord, um Schuld und Verdrängung dreht, kommt der Film manchmal geradezu provokant kühl daher. Oder ist er einfach nur britisch?

Eine Ausnahme von dieser allgemeinen Zurückhaltung aber gibt es doch: Batra scheint auch dem letzten Zuschauer augenfällig machen zu wollen, dass Zeit ein wichtiges Thema der Geschichte ist. Die Uhren werden innen am Handgelenk getragen, neu aufgezogen, bleiben stehen und werden schließlich ersetzt. Da schwingt der Regisseur in seinem sonst so nüchternen Film doch erstaunlich heftig die Symbolkeule. Leser des Romans werden sich vielleicht freuen, diese Details auf der Leinwand wiederzufinden. Oder sie ärgern sich, weil die Stärke des einen Mediums sich nicht ganz so einfach auf das andere übertragen lässt.

Wie in der Romanvorlage ist auch im Film der Weg das Ziel. Tonys Heureka-Moment fällt unaufgeregt aus. "Vom Ende einer Geschichte" kommt ohne Tränen, Verzweiflung und dunkle Geigentöne aus. Und das ist sehr wohl eine Stärke des Films.

"Vom Ende einer Geschichte" (Regie: Ritesh Batra) läuft in Freiburg, Lörrach und Basel. Ohne Alterslimit.