Jubiläum

Festival Cinelatino rückt Brasilien in den Mittelpunkt

Stefan Franzen

Von Stefan Franzen

Mo, 16. April 2018 um 19:30 Uhr

Kino

Das Festival Cinelatino feiert im Kommunalen Kino in Freiburg sein 25-jähriges Bestehen. Der Schwerpunkt liegt auf Brasilien. Und das hat seinen Grund.

Seit einem Vierteljahrhundert öffnet im Kommunalen Kino Freiburg das Festival Cinelatino Türen zur Arbeit lateinamerikanischer Filmschaffender, zeigt aktuelle Brennpunkte und tiefgreifende Historie. Dass es beim Jubiläum seinen Fokus auf Brasilien richtet, kommt sicher nicht von ungefähr: Das Land erlebt nach vielen enttäuschten Hoffnungen gesellschaftliche Depression und politische Unkultur. Bilden Regisseure diese schwierige Phase ab, und wenn ja, wie tun sie es?

Zur Eröffnung geht Kleber Mendonça Filho mit dem in Recife spielenden "Aquarius" einerseits ins Private, spiegelt aber zugleich subtil die Verwerfungen zwischen der analogen und der digitalen Ära. An der Lebensgeschichte der Musikjournalistin Clara zeigt er diese Umbrüche: Sie hat in ihren Blütejahren eine Krebserkrankung überlebt, musste den frühen Tod ihres Mannes verkraften und trotzt nun im Alter einer neuen Invasion ihres "Körpers": Immobilienhaie wollen sie mit schikanösem Dauerfeuer aus dem Haus mobben, mit dem sie seit Jahrzehnten quasi symbiotisch verwachsen ist.

Clara stemmt sich dieser passiv-aggressiven Bedrängnis mit einer gelassenen Souveränität entgegen, die das Klischee von der "störrischen alten Frau" denkbar heftig konterkariert. Diesen zentralen Handlungsstrang kleidet der Regisseur mit vielen Details aus, lässt etwa immer wieder den Übergang vom Haptischen zu MP3-Dateien anklingen, von Telefongesprächen zu SMS: Clara toleriert all diese Reduktionen im Sozialen leicht spöttisch, hält aber an ihren familiären Treffen und an kulturellen Werten in Form ihrer LP-Sammlung fest.

Auf ganz liebevolle Weise ist dieser Film auch ein Plädoyer für die Generation Vinyl, geht mit seinem exzellent recherchierten Soundtrack en passant in die Tiefe der brasilianischen Popgeschichte. Einzig dies ließe sich diesem starken Frauenporträt vorwerfen: Sonia Braga füllt diese Altersrolle mit einem so charismatischen Selbstbewusstsein, dass alle anderen Figuren, die Geschwister und Kinder, die Freundinnen und Männer in ihrem Leben, auch ihr großer Gegenspieler, der intrigante Sohn des Baulöwen, verblassen müssen. Einzig die Hausangestellte erhält ein wenig mehr Charakterkonturen: Im innigen Verhältnis zu ihr gibt Clara auch ein kleines Statement gegen den latenten Rassismus Brasiliens ab und feuert in einem fulminanten Showdown Breitseite gegen die profitgierige Elite.

Auch abseits des Fokus’ auf Brasilien sind Streifen ganz unterschiedlicher Couleur zu entdecken: Mit "El Techo", einer kubanisch-nicaraguanischen Koproduktion, geleitet Regisseurin Patricia Ramos auf Havannas Dächer. Erzählt wird die Geschichte von drei jungen Erwachsenen, die sich mit Erfindungsreichtum gegen die Armut stemmen: Yasmani, der für seine Nachbarin schwärmt, aber nur Trost bei seinen Tauben findet, muss sich mit einem kauzigen Vater herumschlagen, dessen Arbeitsmoral auf Null gesunken ist. Anita ist schwanger, weiß aber nicht von wem und verheimlicht der fernen Mutter ihre Nöte.

Der quirlige Vito, der eigentlich nach Sizilien auswandern will, hat ständig flausige Geschäftsideen im Kopf und überredet beide zu einem Pizza-Business mitten auf dem Dach. Ein völlig unspektakulärer Plot ermöglicht es den Zuschauern, ganz ins Milieu einzutauchen, in diese Parallelwelt hoch oben, die kaum einmal verlassen wird, zu der die Geräusche von unten, Autohupen, Schiffssirenen und Stimmen nur von ferne dringen.

Patricia Ramos bringt eine Menge Detailliebe für ihre Figuren und das Setting mit, lässt den Wind durch die Wäsche flattern, zeigt bröckeliges Mauerwerk in Nahaufnahme, luftige Schleichwege zwischen den Dächern, gibt auf diese Weise einem sympathischen, nachbarschaftlichen Netzwerk Raum. Nach nur 75 Minuten weiß man dann Etliches über die Sehnsüchte und Alltagsprobleme junger Kubaner.

Cinelatino: Kommunales Kino Freiburg, 18. bis 25. April. Eröffnung: Mittwoch, 18. April, um 18 Uhr mit einem Konzert zum 30. Geburtstag des deutsch-brasilianischen Kulturvereins Dona Flor.