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12. Februar 2016

Neu im Kino

"Feuer bewahren – nicht Asche anbeten": Sich nie einrichten

NEU IM KINO: Annette von Wangenheim porträtiert den Choreographen Martin Schläpfer.

  1. - Foto: Gert Weigelt _ Fotograf

Ein Mann wandert in den Bergen, es geht steil bergan. Die Kamera hält sich an seinen Waden fest. Sie sind unglaublich differenziert muskulös. Das kann nicht vom Klettern kommen. Die Waden gehören dem Tänzer und Choreographen Martin Schläpfer. Dass Annette von Wangenheims Dokumentarfilm über ihn mit dieser Szene in den – wie sich später herausstellt – Tessiner Bergen beginnt, ist ungewöhnlich, aber bezeichnend. Martin Schläpfer ist Schweizer; die Kunst hat ihn nach Deutschland verschlagen, zuerst, 1999, für zehn Jahre nach Mainz, danach an die Rheinoper Düsseldorf Duisburg. Er fühlt sich immer noch fremd in Deutschland, in diesen grauen Landschaften im Flachland. Vielleicht auch deshalb hat er die Hütte oberhalb des wilden Maggiatals erworben, die man nur zu Fuß erreichen kann und in der Schläpfer sein Alleinsein, sein tagelanges Schweigen genießt – in Verbundenheit mit der grandiosen Berglandschaft.

Schläpfer, auch das machen diese Sequenzen deutlich, braucht immer wieder den Abstand zu seiner Profession, zum Ballettbetrieb. Routine ist das, was er am meisten fürchtet. Sein Lebensmotto hat bei Gustav Mahler gefunden: "Feuer bewahren – nicht Asche anbeten". So heißt natürlich auch dieser Film. Feuer bewahren – wie gelingt das? Indem man sich nie einrichtet, noch nicht einmal in der eigenen Wohnung, deren Wände Schläpfer mit breit hingepinselten Wörtern und Wendungen bemalt hat; das bringt in die schicke Behausung das Unfertige, Chaotische, Improvisierte, Unbürgerliche. Auch auf den Boden lässt Schläpfer Farbe tropfen, wenn ihm danach ist. Annette von Wangenheims nicht eine Sekunde langweilige Dokumentation setzt die künstlerische Arbeit und das außerkünstlerische Tun – von Privatleben zu sprechen, wäre unangemessen – des Choreographen in die Waage.

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Deshalb ist "Feuer bewahren – nicht Asche anbeten" kein klassischer Tanzfilm geworden. Sequenzen aus Schläpfers Produktionen "ein Wald ein See" und "Johannes Brahms – Symphonie Nr. 2" werden immer wieder nur kurz eingeblendet. Dafür rückt der Probenprozess in den Vordergrund. Schläpfer, der alles andere als ein extrovertierter Bühnenstar ist, legt Wert darauf zu sagen, dass seine 45 Tänzer und Tänzerinnen alle Solisten sind.

Kein klassischer Tanzfilm

Er gehört zu den wenigen Choreographen, die das klassische Vokabular konsequent weiterentwickelt haben. Das gilt auch für den Spitzentanz, den er nach wie vor für einen integrativen Bestandteil des Balletts hält. Man sieht ihn auch selbst beim Proben: mit dem großen Hans van Manen, dem souveränen Altmeister und Grandseigneur des modernen Balletts, der für ihn ein kleines Stück choreographiert hat. "Alltag" heißt es schlicht – und handelt von der Arbeit eines Choreographen. Harmonisch wechselt Schläpfer die Rollen, lässt sich von seinem Kollegen anleiten und korrigieren. Nichts weist in dem Film darauf hin, dass er inzwischen selbst zu den bedeutendsten Choreografen Europas zählt. Man sieht es aber. Seinen Höhepunkt behält sich der Film für das Finale vor: Er begleitet das Entstehen von Martin Schläpfers grandioser Produktion "DEEP FIELD" in Zusammenarbeit mit der Komponistin Adriana Hölszky. Der Vielschichtigkeit der expressiven Musik entspricht die Komplexität des Tanzgeschehens. Man sieht und man spürt die große Sensibilität des Choreographen für die Musik. Sie allein inspiriert ihn. Dass ihm Handlungsballette fremd sind, wen sollte es wundern.

Wer das Feuer bewahren will, muss die künstlerischen Grenzen immer wieder verschieben. Er wäre gern noch radikaler, sagt Schläpfer, dieser zarte, verletzliche Mann mit der leisen, der bedachtsamen Stimme. Aber er wisse auch, was er den Zuschauern zumuten, bis wohin er sie mitnehmen könne. Was für ein Glück, dass er diese Balance immer wieder aufs Neue findet. Und was für ein Glück für alle, die Martin Schläpfers Arbeiten nicht regelmäßig live sehen können, dass es wenigstens diesen Film gibt: eine behutsame Liebeserklärung an einen großen Künstler.

" Feuer bewahren – nicht Asche

anbeten"
von Annette von Wangenheim läuft in Freiburg im Friedrichsbau (Ab 0).

Autor: Bettina Schulte