Horrorszenario für eine feministische Atheistin

Wolfgang Hamdorf

Von Wolfgang Hamdorf (KNA)

Do, 24. Januar 2019

Kino

CULTURE-CLASH-KOMÖDIE: "Womit haben wir das verdient?".

Was ist das Schlimmste, was pubertierende Kinder ihren Eltern antun können? Drogen nehmen, die Schule abbrechen, magersüchtig oder rechtsradikal werden? Die 1967 in Graz geborene Filmemacherin Eva Spreitzhofer konnte sich noch Schrecklicheres vorstellen: "Wenn meine Tochter religiös werden und sich ein Kopftuch aufsetzen würde." Aus dieser Vorstellung entstand für die überzeugte Feministin und Atheistin die Grundidee ihres Spielfilmdebüts, der Komödie "Womit haben wir das verdient?"

Die beginnt mit einer höchst angespannten Familientherapie. Die getrennt lebenden Eltern sitzen nebeneinander. Aber nicht, um ihre Beziehung noch zu kitten, denn Wanda (Caroline Peters) wie auch ihr Ex-Mann (Simon Schwarz) leben längst in neuen Partnerschaften. Es geht vielmehr um die gemeinsame Tochter Nina (Chantal Zitzenbacher). Da sie Komasaufen und Kiffen bereits hinter sich hat, fürchten die Eltern Übles.

Das Bürgerkind als

islamische Fundamentalistin

Als die Tochter den Raum betritt, bewahrheiten sich ihre dunkelsten Befürchtungen: Sie ist zum Islam konvertiert und möchte nur noch Fatima genannt werden. Ein Albtraum beginnt. Mit fundamentalistischer Wut will Nina/Fatima beweisen, dass sie eine Super-Muslimin ist: Mit "halal" ("rein" oder "erlaubt") und "haram" ("verboten") durchdringen zwei neue Vokabeln und damit unzählige Speisevorschriften und Alltagsregeln Wandas Patchwork-Familie bis in die letzten Winkel... Wenn Nina Zweifel überfallen, hilft das Internet dem zum Islam konvertierten Bürgerkind mit Selbsthilfe-Chats und Videos, in denen etwa ein fideler bärtiger Mann mit säuselnder Stimme erklärt, wie sich junge Frauen am besten zu waschen haben. Mit brillanter Situationskomik und viel schwarzem Humor spießt der Film die teils ängstlichen, teils trotzigen Reaktionen auf die religiöse Offensive der jungen Frau auf. Nina/Fatima erschreckt sogar tiefgläubige Muslime, aber sie findet auch unerwartet Verständnis: Die schwangere Lebensgefährtin ihres Vaters etwa ist fest davon überzeugt, dass ein Mehr an religiöser Festigkeit die Gesellschaft nur stabilisieren könne und bereitet ihrerseits eine große katholische Hochzeit vor. Wanda hingegen findet im Kampf gegen den religiösen Wahn ihrer Tochter ausgerechnet in Hanife eine Mitstreiterin, eine Muslimin, die für die Rechte der Frauen im Islam streitet und für Ninas radikalen Islamismus wenig übrig hat.

"Womit haben wir das verdient?" ist eine wunderbar bissige Komödie, bei der Linke und Rechte, Religiöse und Atheisten durch den Kakao gezogen werden. Ein humoristischer Lichtblick angesichts all der oft von tiefer Humorlosigkeit geprägten Debatten um Identität und Religion, in denen Schablonen vorherrschen, keine wirklichen Auseinandersetzungen. Da sitzt Wanda etwa in der sogenannten "Deradikalisierungsstelle" auf einer Wartebank. Nach rechts weist ein Pfeil zum Dezernat Rechtsradikalismus, nach links geht es zum Islamismus...

Der Film lebt in erster Linie von pointierten Dialogen und seinen Darstellern, allen voran Caroline Peters ("Mord mit Aussicht") als feministische Mutter, die sich als Vorkämpferin für Emanzipation und Freiheit versteht, bei ihrer Tochter aber an ihre eigenen Toleranzgrenzen stößt – durchaus ein ironisches Selbstporträt der Regisseurin. Simon Schwarz als Vater hat gelernt, es sich auch in Zeiten glühenden kollektiven Engagements immer irgendwie gut gehen zu lassen. Chantal Zitzenbacher als energiesprühende Tochter und die gut besetzten Nebendarsteller komplettieren das Ensemble. Dynamik und Zusammenspiel der Schauspieler tragen dazu bei, dass der Film die Untiefen des Tabubruchs wie auch die Kalauer gängiger Multikulti-Komödien elegant umschifft, ohne Schiffbruch zu erleiden.

"Womit haben wir das verdient?" (Regie: Eva Spreitzhofer) läuft in Freiburg und Titisee-Neustadt. (Ohne Alterslimit)