Im Labyrinth der falschen Fährten

Kai Mihm

Von Kai Mihm

Do, 06. Dezember 2018

Kino

MYSTERY-THRILLER: "Under the Silver Lake".

David Robert Mitchell hat bisher drei Filme gedreht, allesamt Variationen klassischer amerikanischer Genres: Auf das leise Highschool-Drama "The Myth of the American Sleepover" (2010) folgte "It Follows" (2014), ein Horrorfilm in reduzierter Indie-Ästhetik; beide spielten in seiner Heimatstadt Detroit. Mit "Under the Silver Lake" wechselt er nun nach L.A. und nimmt sich den Neo-Noir vor, auch das auf sehr eigene Weise.

Im Mittelpunkt steht der junge Sam (Andrew Garfield), ein abgebrannter Slackertyp, der im Hipsterviertel Silver Lake lebt, raucht, Videogames spielt und die Nachbarinnen am Pool beobachtet. Mit einer von ihnen, der geheimnisvollen Sarah (eine Entdeckung: Riley Keough), verbringt er eine bekiffte Nacht vor dem Fernseher. Am nächsten Tag ist sie verschwunden. Sam begibt sich auf eine obsessive Suche nach ihr, überzeugt, dass sie Opfer einer Verschwörung wurde.

Diese knappe Synopsis klingt nach einem geradlinigen Neo-Noir. Tatsächlich könnte nichts dem Verlauf der Geschichte ferner liegen. Im Labyrinth der Verwirrung und falschen Fährten stößt Sam auf immer neue Hinweise und immer verrücktere Verschwörungstheorien. Wie ein bekiffter Sam Spade stolpert er durch die diversen Subkulturen von L.A., und als Zuschauer fragt man sich, ob die ganze Sache sich am Ende als Drogentraum erweist. Der Regisseur türmt Plot auf Plot, lässt aber genüsslich jede Wendung in eine Sackgasse münden. Sein Film ist eine überbordende Genrereflexion, ein Sammelsurium aus klassischen Motiven, filmhistorischen Zitaten und popkulturellen Anspielungen, teils smarte Parodie, teils surrealer Paranoia-Thriller.

Mitchell verbindet die Ästhetik klassischer Studiofilme mit Verweisen auf Hitchcock, Polanski, Lynch, Brian De Palma und und und. Trotzdem wirkt sein Film nie wie ein postmodernistisches Pastiche, sondern wie seine ganz eigene Vision von L.A., sein popkulturell aufgeladener Neulingsblick auf das Labyrinthische, Mystische und Esoterische dieser Stadt. Und letztlich ist der Film wie Los Angeles selbst: enervierend und ermüdend, aber auch sinnlich und faszinierend. (Läuft in Freiburg und Basel, ab 16.)