Immer wartet der nächste Film

Gabriele Michel

Von Gabriele Michel

Fr, 15. Februar 2013

Kino

Liebe und Tod, Erhofftes und Unverhofftes: Die "Perspektiven deutsches Kino" bei der 63. Berlinale.

Nach einer Festivalwoche mit deutschen Filmen lässt sich nur eins mit Sicherheit sagen: Es gibt keine charakteristischen Themen, Genres oder ästhetischen Konzepte, die deutschen Berlinale-Beiträge sind so unterschiedlich, auch gegensätzlich, wie die anderen Festivalfilme aus insgesamt 70 Produktionsländern auch. Das macht es interessant, deutsche Filme aus den verschiedenen Sektionen zu sichten und zu vergleichen – auch wenn es selbst mit ausgefuchster Logistik unmöglich ist, auch nur annähernd alle zu sehen.

Ein Volltreffer ist der Eröffnungsfilm der "Perspektiven deutsches Kino", seit zwölf Jahren für die Absolventen der diversen deutschen Filmhochschulen ein begehrtes Sprungbrett in die Öffentlichkeit. Stephan Lacants "Freier Fall" erzählt von Marko, einem Polizisten und angehenden Vater, der sich in seinen schwulen Kollegen Kay verliebt. Eine Liebe, gegen die er sich anfangs wehrt, die ihn überfällt, überrollt – und glücklich macht. Eine unmögliche Liebe, die nicht nur sein Leben daheim sprengt, sondern auch in der Polizeistaffel für erhebliche Turbulenzen sorgt. Präzis gespielt und beobachtet, verzichtet der Film auf Lösungen oder moralische Urteile, er hält das "schuldlos schuldig" dieses Ausbruchs mit seiner bitteren Ausweglosigkeit bis zum Schluss durch.

Auch Lars Kraumes Drama "Meine Schwestern" hat ein heftiges Thema: den Tod. Linda, die mit einem angeborenen Herzfehler eigentlich nur ein halbes Jahr alt werden sollte, ist inzwischen dreißig und wirkt anfangs ziemlich robust. Aber vor der nächsten OP hat sie Angst, Todesangst – und bricht mit ihren beiden Schwestern zu den Orten der gemeinsamen Geschichte auf, nach Tating an der Nordsee und ins ferne Paris. Ohne je ins Rührselige abzugleiten, nehmen Kraume und seine drei ausdrucksstarken Darstellerinnen die Zuschauer mit auf eine Reise, die durch den nahen Tod eine eigene Wahrheit und Intensität entfaltet. Auf andere Weise präsent ist der Tod in Sebastian Mez’ Dokumentarfilm "Metamorphosen", der im Süd-Ural, an der Grenze zwischen Europa und Asien entstanden ist. Die Gegend um Musclyomovo ist der am stärksten radioaktiv verseuchte Landstrich der Welt. 1957 gab es in der kerntechnischen Anlage Majak einen ersten Unfall, seitdem wird dort, abgeschottet vom Rest der Welt, trotz wiederholter Unfälle weiter gearbeitet. Die Belastung von Erde und Gewässern ist inzwischen höher als nach dem Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki.

Doch die Menschen hier arbeiten, essen, tanzen und verlieben sich wie überall sonst auf der Welt. Mit geduldigem Kamerablick, der konsequent auf jeden Effekt verzichtet, zeigt Mez die mal verwüstete, mal federzeichenschöne Landschaft und die Würde dieser Menschen, die Armut, die tagtägliche Bedrohung – in knapp anderthalb Stunden verändert dieser Film ein Stück weit den eigenen Blick auf die Welt.

"Meine Mutter hat sich

erhängt – Fuck"

Und Komödien? Eine so intelligent-witzige Geschichte wie Richard Linklaters "Before Midnight" im Wettbewerb war leider nicht zu entdecken, aber doch immerhin ein wunderbar schwarzhumoriges Debüt – das ohne Fördergelder produziert wurde. Sven Halfars Film "DeAD" beginnt mit dem Dialog: "Sie hat sich erhängt, meine Mutter" – "Fuck" – und nimmt zügig und effektsicher Fahrt auf. Denn Patrick, der gerade seine Mutter von der Decke baumelnd gefunden hat, steckt voller Zorn, angesammelt über 29 Jahre. Zusammen mit seinem Freund Elmer macht er sich im roten Straßenkreuzer auf, um dem Vater den sechzigsten Geburtstag zu verschönern. Der hat sich einst feige aus dem Staub gemacht, ist inzwischen piekfein verheiratet und als Lehrer eine Lokalgröße. Der Geburtstagsbesuch beginnt als stilvoll ironische Inszenierung, wird aber bald unheimlich.

Parallelen zu Michael Hanekes "Funny Games" sind offensichtlich; doch während bei Haneke zwei ausgesucht höfliche Männer willkürlich eine fremde Familie zu Tode quälen, haben Patrick und Elmer ein nur zu verständliches Ziel: dem selbstgefälligen Patriarchen die lügnerische Maske vom Gesicht zu reißen. Das entwickelt Sven Halfar, trotz blutiger Szenen, so lustvoll und nachvollziehbar, dass man selbst als friedlicher Mensch mit den beiden Jungen sympathisiert.

Natürlich sind nicht alle deutschen Filme überzeugend. Mal muss man gefühlte zwanzig Minuten zusehen, wie jemand wartend aus dem Fenster starrt, mal sind alle Männer grobschlächtige Deppen, und ein bleischweres Endzeitdrama verliert sich in peinlichem Pathos. Aber immer wartet danach schon der nächste Film. Vielleicht ist es der, auf den man hofft – oder einer, der einen unerwartet umhaut. Man kann diesen Marathon sowieso nur dann überstehen, wenn man nicht dem Wahn verfällt, dass der ultimativ wichtigste Berlinale-Film gerade im Kino nebenan läuft.

Und was den urteilenden Blick angeht, hat Jurypräsident Wong Kar Wai ein interessantes Motto ausgegeben. Man wolle in der Jury nur über das reden, was an den einzelnen Filmen gelungen sei, was gefällt. Wie ernst er das meinte, war durch seine Sonnenbrille nicht zu erkennen. Aber die Devise macht gute Laune. Ebenso wie manche Filmtitel – "Die mit dem Bauch tanzen", "Das merkwürdige Kätzchen" – oder zu erleben, wie der Mann, dem gerade eben noch auf der Leinwand bei vollem Bewusstsein das Bein abgesägt wurde, plötzlich fröhlich telefonierend neben einem steht.