Kino

Liebe ist kein Zuckerschlecken: "Die Hannas"

Gabriele Schoder

Von Gabriele Schoder

Mi, 09. August 2017 um 00:00 Uhr

Kino

Julia C. Kaiser ist mit den "Hannas" ein höchst ungewöhnliches, komisches und berührendes Drama gelungen.Themen wie Missbrauch und Inzest beschweren das Drehbuch unnötigerweise.

Kuscheln, Sex und Sinnlichkeit. Es sieht doch richtig gut aus mit Anna (Anna König) und Hans (Till Butterbach), einem Berliner Paar irgendwo in den Dreißigern: Sie sind schon ihr halbes Leben zusammen, sie teilen ihre Leidenschaft fürs Kochen, sie fressen einander aus der Hand und füttern sich lustvoll, sie genießen gemeinsame Massagen und scheinen noch ziemlich oft und gut und gerne miteinander im Bett zu sein. Ihre besten Freunde Lisa und Florian (Anne Ratte-Polle, Christian Natter) bewundern und beneiden ihre stabile Zweisamkeit, aber dass sie Anna und Hans nur "Die Hannas" nennen, macht schon ein wenig stutzig: Die schiere Symbiose tut ja nie gut.

Und ist es nicht auch sonderbar, dass die Hannas ihre Bettgespräche in einer schnuckelputzigen Babysprache führen? Oder dass Anna ihr dickes nacktes Hänschen am Schwänzchen zieht, woraufhin der die Hände überm Kopf zusammenklatscht wie ein Hampelmann: Bisschen infantil, so ein Liebesspiel. Nein, nicht nur ein bisschen: Diese beiden führen eine verdammt unreife Beziehung. Sie haben sich eingenistet in einem komfortablen Hängemattenglück, das freilich auf die Dauer wenig erfüllend ist.

Das zeigt sich, als von ungefähr zwei neue und ganz andere Menschen in ihr Leben treten und sie auf eine emotionale Achterbahnfahrt mitnehmen. Anna, die als Physiotherapeutin arbeitet, hat eines Tages die impulsive Nico (Ines Marie Westernströer) auf der Massagebank und bald auch im Bett, und Hans folgt der wilden Outdoortrainerin Kim (Julia Becker) auf die dunkle Seite der Leidenschaft.

Bonding, SM, lesbische Liebe, heimliche Nächte und Eruptionen des Gefühls: Beide sind betört und verstört von den neuen Erfahrungen, beide ahnen nichts von der Affäre des anderen – und schon gar nicht, dass Nico und Kim Schwestern sind. Als alle vier endlich aufeinandertreffen, ist längst klar, dass es die Hannas so nicht mehr geben kann.

Abenteuer gekostet

Denn Anna und Hans haben ein Abenteuer, ein Amuse-Gueule der Liebe gekostet, das ungleich aufregender schmeckt als die klebrige Zuckerwatte, die sie die ganzen Jahre gemeinsam geschleckt haben. Voneinander lassen wollen sie jedoch auch nicht, und die Schwestern ihrerseits halten nichts von einer offenen Beziehung zu viert. Sie müssen Entscheidungen treffen…

Der 1983 in München geborenen Regisseurin Julia C. Kaiser, die an der Filmakademie Baden-Württemberg studiert hat, ist mit "Die Hannas", ihrem zweiten Langfilm (nach der Impro-Tragikomödie "Das Floß"), ein höchst ungewöhnliches, lebendiges, komisches und berührendes Drama gelungen: Es hebt sich sehr jung und frisch ab von der üblichen Komödienkost, bei dem sich nach ewig gleicher Rezeptur am erwartbar glücklichen Ende natürlich genau die finden, die sich am Anfang nicht mochten. Für die innovativen Ideen zum alten Thema romantische Komödie und ihre reizvolle Umsetzung gab es zu Recht mehrere Auszeichnungen, etwa beim "Achtung Berlin"- Festival 2017 die vier wichtigsten Preise: für den besten Film, für Drehbuch und die weibliche sowie männliche Hauptrolle.

Allerdings scheint die Filmemacherin ein wenig gefürchtet zu haben, "Die Hannas" könnte als Leichtgewicht gewertet werden, und ihr Drehbuch mit dunklen Themen wie Missbrauch und Inzest beschwert. Das aber ist unnötig, verzerrt das Genre und ist obendrein der Glaubwürdigkeit nicht besonders förderlich.

Die Figuren aber, mit Kraft und Präzision verkörpert, kommen sehr authentisch daher. Ebenso die Bilder von Kameramann Dominik Berg: Aus großer Nähe aufgenommen, oft dunkel, unscharf und intim, wirken sie nie inszeniert, sondern mitunter beinahe dokumentarisch, wie Szenen aus dem Privatleben junger Großstädter. Komplettiert mit einem stimmigen Soundtrack (Sorry Gilberto, Dominik Berg, Coleslaw Clubbing), ist "Die Hannas" eine schöne Liebeskomödie für Leute, die eigentlich keine Liebeskomödien mögen.

"Die Hannas" (Regie: Julia C. Kaiser) kommt morgen in die Kinos. (Ab 12 Jahren)