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25. Mai 2012
Filmfestival von Cannes
Nur Ken Loach überzeugt
Enttäuschung auf dem Filmfestival in Cannes. So kühl wie in diesem Jahr waren die Reaktionen auf das Programm selten. Viele Meisterregisseure enttäuschen, nur Ken Loach nicht.
Allmählich kehrt die Ruhe auf die Croisette zurück. Die Schar der Filmenthusiasten, die allmorgendlich auf das Festivalpalais von Cannes zusteuert, wird kleiner. Statt dessen beherrschen Rollkoffer das Bild, die zum Busbahnhof oder Taxistand gezerrt werden. Es sind vor allem die Teilnehmer des Filmmarkts, die Verträge unterschrieben und ihre Stände abgebaut haben, welche das Festival einige Tage vor der Preisverleihung am Sonntag verlassen. Gute Geschäfte sollen sie gemacht haben, melden die Branchenblätter.
Dabei dürfte in diesem Jahr niemand so vom Festival profitiert haben wie die Regenschirmverkäufer. Im Dauerregen des ersten Wochenendes fanden sie Tausende dankbarer Abnehmer. Der rote Teppich auf den Stufen zur "Salle Lumière" hatte sich zeitweise in ein schmatzendes Wasserbett verwandelt, und der Anblick der bunten Schirmparade vor dem Eingang der Festivalhallen erinnerte an "Die Regenschirme von Cherbourg" oder "Singing in the Rain" ...
Auch wenn sich inzwischen die Sonne wieder durchsetzen konnte: Der Eindruck eines verregneten Festivals bleibt. Denn so kühl wie in diesem Jahr war die Reaktion auf das Programm selten. Zwar gab es wenige Filme, die offen hämische Verrisse ernteten, wie Thomas Vinterbergs "Jagten", der von einer hysterischen Hatz auf einen vermeintlichen Pädophilen erzählt, sich dabei aber auf derart schlichte Schuldzuweisungen und filmische Metaphern verlässt, dass auch Mads Mikkelsens schauspielerische Leistung das Werk nicht zu retten vermochte. Doch schlimmer als die bösen Kritiken, die dieser Tiefpunkt des Wettbewerbs sogleich erntete, wiegt die Gleichgültigkeit, die vielen Meisterregisseuren hier entgegenschlägt. Alain Resnais’ "Vous n’avez encore rien vu" – eine ermüdende Theaterverfilmung. Abbas Kiarostamis "Like Someone in Love" – iranisches Kino transponiert nach Tokio, warum eigentlich? Hong Sang-soos "In Another Country" – Isabelle Huppert als Objekt der Begierde koreanischer Männer, eine so dünne Geschichte, dass sie in drei Varianten erzählt werden muss. Walter Salles’ "On the Road" – nach 55 Jahren die erste Verfilmung des Romans von Jack Kerouac, der unbebildert immer noch die größte Kraft entfaltet.
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Trost gab es zur Festivalmitte denn doch, und er kam von einem 75-jährigen Regisseur, der sich und seinem Thema immer treu geblieben ist und doch immer wieder überrascht. Ken Loachs "The Angel’s Share" spielt im schottischen Glasgow, wo eine Gruppe von Kleinkriminellen gemeinnützige Dienste leistet. Haarscharf an einer Haftstrafe vorbeigegangen ist der jähzornige Robbie. Robbies Freundin ist schwanger, und er hat einen ehrlichen Neuanfang im Sinn, aber das Milieu lässt ihn nicht los. Bis er auf den Sozialarbeiter Harry trifft, der seine Misfits zu einem Ausflug in eine Whiskybrennerei einlädt, bei dem sich Robbies olfaktorische Sinne als besonders ausgeprägt erweisen. Was folgt, ist ein soziales Märchen, eine haarsträubende Kriminalgeschichte um den Diebstahl einiger Liter eines Jahrhundertwhiskys, ein Plädoyer für das Verzeihen und dafür, auch den hoffnungslosesten Fällen einen Neuanfang zu ermöglichen. Kaum einer weiß das mit soviel Humor und so wenig Pathos filmisch umzusetzen wie Ken Loach.
In den Nebenreihen des Festivals überzeugten vor allem lateinamerikanische Filme: Kolumbien steuert zum festivalweiten Wettbewerb um den besten Erstlingsfilm, die "Caméra d’Or", gleich zwei kraftvolle Debüts bei, die von den Spannungen und Umbrüchen in einem von Terror und Drogen gebeutelten Land erzählen. William Vegas "La Sirga" (in der Reihe "Quinzaine des réalisateurs") folgt der jungen Alicia, deren Dorf der exzessiven Gewalt zum Opfer gefallen ist, in ein trügerisches Refugium an einem idyllischen See in den Anden, wo sie ihrem Onkel bei der Renovierung eines Hotels hilft. Doch statt der erhofften Touristen treffen nur neue Vorboten des Unglücks ein. Zwischen Realismus und Fantastik hält der Film eine eigentümliche, faszinierende Balance.
Auch "La Playa D.C." von Juan Andrés Arango, zu sehen im "Certain regard", beschäftigt sich mit Rassismus und alltäglicher Gewalt. Zugleich schlägt der Film um drei ungleiche afrokolumbianische Brüder, die in Bogotá eine ärmliche Existenz fristen, auch zaghaft optimistische Töne an. Während der jüngste von ihnen im Drogensumpf unterzugehen droht und der älteste sein Heil in der Flucht sucht, ist der talentierte Tomás entschlossen, sich eine stabile Existenz aufzubauen. Bunt und schmutzig, niederschmetternd und erheiternd zugleich ist dieses originelle Regiedebüt, mit dem Kolumbien sich erneut als vielversprechendes Filmland vorstellt.
Autor: Christoph Terhechte



