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27. Mai 2012 11:27 Uhr

Filmfestspiele Cannes 2012

Ökumenischer Filmpreis für Thomas Vinterberg

Der Film "Jagten" des dänischen Regisseurs Thomas Vinterberg hat beim 65. Filmfestival in Cannes den Preis der Ökumenischen Jury gewonnen. Sein Film thematisiert das Schicksal eines Erziehers, der zu Unrecht des sexuellen Missbrauchs von Kindern bezichtigt wurde.

  1. Der dänische Regisseur Thomas Vinterberg bekommt in Cannes den Preis der Ökumenischen Jury für seinen Film „Jagten“. Foto: AFP

Ein kleines dänisches Städtchen im November. Hier kennen sich viele von Kindesbeinen an. Lucas (Mads Mikkelsen), eine Seele von Mensch, ist Lehrer von Beruf, arbeitet jetzt aber im Kindergarten. Hingebungsvoll, mit viel Herz und Verständnis. Bis ein kleines Mädchen aufgeschnappte Sätze nachplappert, die von den Erwachsenen als sexueller Missbrauch gedeutet werden.

Ehe sich der stille Mann versieht, bricht ein Sturm über ihn herein, der seine ganze bisherige Existenz unter sich begräbt. Ohne auch nur einmal angehört zu werden, verliert er seinen Job, wird gedemütigt, geschlagen und ausgestoßen; seine Freunde wenden sich brüsk von ihm ab, die Ex-Frau verbietet den Kontakt zu seinem Sohn. An Weihnachten sitzt er schwer misshandelt und mit zerschlagenem Gesicht in seinem Haus. Doch dann rafft er sich auf und humpelt zur Christmette.

Mit dem bedrängenden Drama "Jagten" des dänischen Regisseurs Thomas Vinterberg hat die Ökumenische Jury beim 65. Filmfestival in Cannes einen Film ausgezeichnet, der konträr zur öffentlichen Debatte über Pädophilie und Kindesmissbrauch steht. Die Fabel von einem zu Unrecht Beschuldigten, mit großer emotionaler Glaubwürdigkeit inszeniert und in der Hauptrolle von Mads Mikkelsen mit wachsender Verunsicherung gespielt, lässt über die Abgründe schaudern, die sich in einer alarmierten Gesellschaft auftun können.

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Die knappe, trotzige Andeutung einer Vierjährigen genügt, um einen beängstigenden Mechanismus in Gang zu setzen. Die Kindergärtnerin schiebt ihre Verunsicherung mit dem Verweis beiseite, dass Kindermund Wahrheit kund tut. Ihr Vorgesetzter verschanzt sich hinter dem formalisierten Verfahren, die Eltern der anderen Kinder erliegen der um sich greifenden Hysterie, Gerüchte, Unterstellungen und die Dynamik öffentlicher Vorverurteilung bauschen sich in Windeseile zu einem Sturm auf, der immer gewaltsamere Kreise zieht.

"Jagten" ist das Gegenstück zu Vinterbergs "Das Fest" (1998), in dem ein Sohn bei einer Familienfeier den Vater des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Das innovative Drama, mit dem die dänische "Dogma "95"-Philosophie ihren Siegeszug begann, orchestrierte damals eine wachsende Sensibilität der bürgerlichen Gesellschaft für das Thema des sexuellen Missbrauchs.

Der neue Film "Jagten", auch inszenatorisch fast ein Gegenentwurf zur harschen Handkamera-Ästhetik, wechselt nun die Seiten. Bar jeder Ambivalenz, lässt er an Lucas" Unschuld nie den leisesten Zweifel aufkommen. Er stellt vielmehr einen sensiblen Mann in den Mittelpunkt, der sich mit hartnäckiger Geduld darum bemüht, mehr Zeit mit seinem pubertierenden Sohn verbringen zu dürfen. Lucas ist ein Vater wie aus dem Erziehungsratgeber, ein aufmerksamer, zugänglicher Freund, verlässlich, berührbar und dennoch kein Weichei.

In seiner Figur manifestiert sich eine "neue", sensiblere Männlichkeit, die im merklichen Kontrast zu seinen rüden Kumpanen steht, mit denen er zu Beginn und am Endes des Films auf der Jagd durch die Wälder streift. Schon rein äußerlich unterscheidet sich Lucas von den bullig-polternden Gestalten, die sich ihren testosterongetriebenen Ritualen ergeben und im Konfliktfall schnell mit den Fäusten reagieren.

Lucas dagegen scheint sich anfangs gar nicht verteidigen zu können, so fassungslos erlebt er seinen sozialen Ausschluss. Es dauert lange, bis der Punkt erreicht ist, an dem er sich zur Wehr setzt. Als er beim weihnachtlichen Einkauf keine Lebensmittel erhält und vom Fleischer auch noch brutal zusammengeschlagen wird, macht er kehrt und bietet die Stirn.

Doch der körperliche Widerstand allein würde über die symbolische Geste hinaus nicht viel bewirken. Auch deshalb dient die Chrismette als Ort der eigentlichen Konfrontation, an dem der malträtierte Mann seine Unschuld verteidigt. "Jagten" ist ein Film über einen, der alles verliert, der ausgestoßen und seiner bisherigen Existenz beraubt wird. Und der dennoch ein Happy End erlebt, zumindest ein halbes. Denn: Etwas bleibt immer hängen.

Autor: Josef Lederle (KNA)