Was die letzte Kraft freisetzt

Martin Schwickert

Von Martin Schwickert

Do, 12. Juli 2018

Kino

SEGLERDRAMA: "Die Farbe des Horizonts" von Baltasar Kormákur ist wuchtig und spannend.

Als der Zollbeamte am Hafen sie nach dem endgültigen Ziel ihrer Reise fragt, zieht Tami (Shailene Woodley) die Schultern nach oben und die Mundwinkel nach unten. Die 23-jährige Amerikanerin hat gleich nach dem Schulabschluss den Rucksack gepackt, um ihre Heimatstadt San Diego weit hinter sich zu lassen, tingelt nun schon seit ein paar Jahren durch die Welt und finanziert sich mit Gelegenheitsjobs das Ticket zum nächsten Reiseziel. Jetzt, im Jahr 1983, ist sie auf Tahiti und bekommt Arbeit im Yachthafen.

Als der britische Segler Richard (Sam Claflin) am Steg festmacht, finden die beiden schnell Gefallen aneinander. Richard lässt sich genauso wie Tami durchs Leben treiben. Bald schon wird er sie fragen, ob sie mit ihm um die Welt segeln will, und wenig später werden die beiden den Auftrag übernehmen, eine luxuriöse Yacht von Tahiti nach San Diego zu überführen. Dass dieses Unternehmen nicht gut ausgeht, weiß man schon seit den ersten Minuten des Films, in denen Tami aus der Bewusstlosigkeit erwacht, sich durch das knietiefe Wasser in der Kajüte den Weg an Deck bahnt und verzweifelt nach Richard ruft: Er ist mit dem Sturm von Bord gespült worden, die Yacht stark beschädigt.

Von dieser Situation aus springt der Film von nun an zwischen desaströser Gegenwart und romantischer Vergangenheit hin und her. Mit den Erinnerungen scheint auch Tami wieder an Kraft zu gewinnen. Sie flickt das Leck, setzt das Vorsegel – und entdeckt in der Ferne auf einem Beiboot Richard. Der ist schwer verletzt und es ist klar, dass die mäßig erfahrene Seglerin die Geschicke lenken muss.

Als gebürtiger Isländer hat Regisseur Kormákur seit jeher eine besondere Verbindung zum Meer und zum Überlebenswillen in aussichtslosen Situationen. Vor fünf Jahren erregte er mit "The Deep" internationale Aufmerksamkeit: das Porträt eines Fischers, der Kilometer durchs eiskalte Wasser an Land schwamm und zum isländischen Nationalhelden wurde.

Auch "Die Farbe des Horizonts" beruht auf wahren Ereignissen und befindet sich als Seglerdrama in bester Kinogesellschaft. Eben erst verirrte sich Colin Firth in "Vor uns das Meer" als Alleinsegler in den Weltmeeren, und Robert Redford zeigte in J. C. Chadors "All Is Lost" (2013) was man auf dem engen Raum einer havarierten Yacht erzählen kann. Dieser radikal-klaustrophobischen Erzählsituation entzieht sich Kormákur mit seiner Rückblendendramaturgie und öffnet die Aussichtslosigkeit der Tragödie durch romantische Erinnerungsarbeit. Denn anders als bei ihren männlichen Schiffbruch-Kollegen ist es nicht allein der innere Überlebenstrieb, der Tami die Situation meistern lässt, sondern die Liebe zu ihrem Freund. Das macht die Angelegenheit auf der Leinwand deutlich gefälliger, ist aber auch ein durchaus realistischeres Szenario: Die Kraft, über sich hinaus zu wachsen, entsteht selten allein aus eigenen Ressourcen, viel öfter aus der Verantwortung, die man für andere übernimmt.

Dieser Punkt wird in "Die Farbe des Horizonts" durch eine überraschende Schlusswendung eindrücklich unterstrichen. Shailene Woodley, die sich in "Divergent" tapfer durch ein dystopisches Zukunftsszenario kämpfte, ist auch als Alleinseglerin wider Willen restlos überzeugend. Dasselbe gilt für die dramatischen Sturmsequenzen, die das Gefühl völligen Ausgeliefertseins mit atemberaubender Effizienz direkt in den Kinosessel hinein transportieren.

"Die Farbe des Horizonts" (Regie: Baltasar Kormákur) läuft flächendeckend. Ab 12 Jahren.