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05. Juli 2012 00:02 Uhr

Neu im Kino

Cronenbergs "Cosmopolis": Das Leuchten des Kapitals

David Cronenberg hat Don DeLillos Roman "Cosmopolis" verfilmt. Auch wenn Cronenberg aus den visuellen Motiven der Vorlage nichts macht, ist ihm ein faszinierendes Stück Kino gelungen.

"Das Geld führt nur noch Selbstgespräche", sagt die oberste Theoretikerin. Ihr Chef, der milliardenschwere New Yorker Spekulant Eric Parker, empfängt sie in seiner Stretchlimousine, seinem fahrenden Büro. Auf bläulichen Bildschirmen bewegen sich Grafiken von Geldströmen. "Das Leuchten des Cyberkapitals", schwärmt die angestellte Philosophin.

Der US-Schriftsteller Don DeLillo hat die Figur Eric Parker anfangs der Nuller Jahre erfunden: den Idealtypus eines jener jungen Männer im Anzug, die an der Wall Street und den Börsen der Welt mit irrsinnigen Summen hantieren. DeLillos Roman "Cosmopolis" war eine Groteske aus dem Zeitalter des Hyperkapitalismus, veröffentlicht 2003, vor der Finanzkrise, die dieses System nachhaltiger diskreditieren sollte als es alle Literatur vermag.

David Cronenberg hat diesen Roman nun verfilmt. Und Robert Pattinson spielt Eric Parker. Nachdem er schon der Bel Ami war, befreit der Star sich langsam von seiner Vampirvergangenheit. Als Geldsauger ist er eine gute Besetzung, seine glatte Erscheinung passt zu einem Menschen, dem die abstrakten Finanzmärkte zur Lebenswelt geworden sind.

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Wobei das echte Leben immer wieder hereinbricht. In seiner weißen Stretchlimousine fährt Parker quer durch New York, zu dem Friseur, der ihm als Kind die Haare geschnitten hat. Die Fahrt stockt, weil der Präsident in der Stadt ist und ganze Straßen vom Stadtplan verschwinden, wie Parkers Sicherheitschef sagt, der neben der Limousine herläuft. Zwischendurch verlässt Parker das Auto, weil zufällig seine Ehefrau in einem Taxi neben ihm fährt, er hat Sex in einem Hotel mit einer Frau seiner Security. Die Limousine gerät in eine antikapitalistische Demonstration (DeLillo ahnte die Occupy-Bewegung voraus), ein Aktionskünstler cremt den Spekulanten mit einer Torte ein.

Fahrt durch eine verzerrte Welt

Sein eigentliches Leben aber führt Parker im Inneren seiner Limousine. Draußen ziehen die Straßen und Passanten vorbei, drinnen hört man nichts vom städtischen Lärm, weil das Auto – wie einst Marcel Prousts Zimmer – mit Kork isoliert ist. In seiner Limo empfängt Parker seinen Computerfachmann, seinen Währungsanalysten, seine Theoretikerin, seinen Arzt, seine Ex-Freundin, die im Kunsthandel unterwegs ist (ein drastischer Kurzauftritt von Juliette Binoche).

Es sind die Dialoge, die Parker ihnen über das Geld und die Welt führt, die den 108-minütigen Film bestimmen. Das ist zwischendurch und im langen Finale, als Parker auf einen von ihm gefeuerten Analysten mit mörderischer Absicht trifft, etwas ermüdend. Und DeLillo-Leser fragen sich, warum der Regisseur nichts aus den visuellen Motiven des Buches macht, in dem Parker auf seinen Bildschirmen immer wieder etwas voraussieht, was in der Realität erst noch kommt.

Cronenberg hat trotzdem einen faszinierenden Film gemacht. Die Leute, die in Parkers Auto zusteigen, sind ein interessantes Figurenkabinett. Robert Pattinson verkörpert den zunehmend an sich zweifelnden Eric Parker sehr anschaulich. Und es gibt unheimliche Momente, in denen die dräuende Musik von Howard Shore und der Band Metric die drohende Gewalt untermalt. Der Stoff passt auch zu gut in den Kosmos des kanadischen Regisseurs, zu seinen Filmen über Auto-Erotik ("Crash"), Gewaltbilder ("Videodrome") oder zuletzt die Biographie Freuds ("Eine dunkle Begierde"). "Cosmopolis" ist eine quälende Fahrt durch eine verzerrte Finanzwelt, die wir noch nicht hinter uns haben, auch wenn wir derzeit mehr von Staatsverschuldung als von Hyperkapitalismus reden.
– "Cosmopolis" (Regie: David Cronenberg) läuft in Freiburg und Basel.

Autor: Thomas Steiner


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