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07. März 2013

Kino

Die Tragikkomödie "Take this Waltz" überzeugt durch seine Hauptdarsteller

TRAGIKOMÖDIE: Das preisgekrönte kanadische Liebesdrama "Take this Waltz" mit einer hinreißenden Michelle Williams.

  1. Sex findet zuerst im Kopf statt: Margot (Michelle Williams) und Daniel (Luke Kirby) Foto: kool

Klar ist das auch das Drama einer jungen Frau, der es einfach zu gut geht: Ende 20, gesund, gutaussehend, keine Geldnöte, ganz glücklich verheiratet, recht interessanter Job – was will Margot (Michelle Williams) eigentlich mehr? Dass Ehemann Lou (Seth Rogen) ein bisschen leidenschaftlicher ist und ein bisschen weniger verliebt in die Hühnchenrezepte, die er für sein Kochbuch immer mehr verfeinert? Die beiden können doch gut miteinander, feiern nette Partys in ihrem gemütlichen Häuschen in Toronto, albern herum, übertreffen einander mit kindlich-kannibalischen Liebesschwüren.

Was Margot fehlt, ist vielleicht nur das: der Reiz des Neuen nach fünf Jahren Ehe. Der Zauber des ganz Anderen. Der begegnet ihr in der Gestalt des Lebenskünstlers Daniel (Luke Kirby), ein malender Bohemien, der mit seiner Rikscha Touristen am Strand des Ontariosees kutschiert. Margot begegnet ihm auf einer Reise, flirtet mit ihm, probeweise, sie spielt ja sowieso gern, Rollstuhlfahrerin oder Hitler-Anhängerin, scheint sich nicht festlegen zu wollen oder zu können, wer sie ist und wo sie hingehört. Außer zu Lou. Aber als sie erfährt, dass Daniel in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft wohnt, kommt Dynamik in die unverbindliche Bekanntschaft, und am Ende wird einer aus dem Spiel sein, Lou. Oder doch nicht?

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Margot und Daniel sind nicht die großen Liebenden, die das Schicksal leider erst zusammenführt, nachdem einer der beiden schon verheiratet ist. Sarah Polley, die kanadische Schauspielerin, Regisseurin und Drehbuchautorin, erzählt in ihrem zweiten Spielfilm eine Geschichte, die ihrem viel gelobten Erstling "An ihrer Seite" von 2006 so unähnlich gar nicht ist: Dort ging es um ein altes Ehepaar, das allmählich auseinanderdriftet, als die Frau, gespielt von Julie Christie, an Alzheimer erkrankt. Und auch hier lösen sich die fürs ganze Leben gedachten Verbindlichkeiten auf.

Lou (wann war der Komiker Seth Rogen je so ernsthaft und verletzlich?) erschreckt seine Frau jeden Tag beim Duschen heimlich mit kaltem Wasser – er wollte ihr erst in vielen Jahren sagen, dass er es war, was sie für einen Defekt der Leitung hielt, damit sie zusammen darüber kichern könnten im Alter: eine rührende Hoffnung auf ewige Vertrautheit. Daniel ist da so anders, dass er vielleicht ohnehin nur die Inkarnation von Margots Sehnsüchten ist: ein schöner Mann und guter Zuhörer, sinnlich, geheimnisvoll, leidenschaftlich.

Treue und Verlockung

Wir sehen die beiden in expliziten Sexszenen, auch mal mit dem einen oder der anderen zu dritt, aber die schönsten Liebesspiele haben Margot und Daniel ohne Sex – genauer, als der sich noch unter der Hirnschale abspielt: in einem wunderbaren Unterwasserballett oder auf der Kirmes, wo sie sich in einer Gondel dem Höhepunkt entgegenschrauben und am Ende fröstelnd wieder auf dem grauen Boden der Realität landen. Oder in jener herrlichen Was-wäre-wenn-Szene im Café, in der beide ihren Martini nicht anrühren, weil sie ohnehin schon betrunken sind voneinander. Am Hochzeitstag zieht Daniel das Ehepaar in seiner Rikscha zum Restaurant: Sein Atem wird immer schneller, lauter, sein Rücken nass – für Margot, die hinter ihm auf der Bank sitzt, neben dem ahnungslos lächelnden Gatten, eine schier nicht auszuhaltende Verheißung künftiger Wonnen.

Sarah Polley inszeniert ihre Heimatstadt in leuchtenden Farben und ihre Hauptdarsteller in einer mitunter konstruierten, aber immer glaubwürdigen Studie über Treue und Verlockung. Michelle Williams ist dabei schlicht umwerfend. In jedem Film – ob "Brokeback Mountain", "Blue Valentine" oder "My Week with Marilyn", um nur drei zu nennen – verblüfft die 1980 geborene Amerikanerin aufs Neue. In "Take this Waltz" ist sie so melancholisch und rätselhaft wie der titelgebende Song von Leonard Cohen, Teil übrigens eines wunderschönen Soundtracks: eine Frau, die das richtige und das unbedingte Leben zugleich sucht und vielleicht beides nie finden wird.

In einer frühen Szene sehen wir eine Gruppe von Frauen nach der Wassergymnastik unter der Gemeinschaftsdusche, lauter nackte Körper, blühend, welk, üppig, schlank. Auch das Neue wird irgendwann alt, sagt eine. Margot wird es später erleben, wenn sie mit Daniel vor dem Fernseher sitzt wie damals mit Lou, oder wenn sie sich vor ihm ungeniert auf die Kloschüssel hockt wie einst in ihrer Ehe. Wäre sie also besser bei Lou geblieben? Sarah Polleys preisgekröntes Drama der Sehnsüchte gibt keine Antwort darauf. Und wirkt umso länger nach. Glückwunsch an die in Freiburg ansässige Kool Filmdistribution, dass sie diese hinreißende Tragikomödie fürs deutsche Kino kriegen konnte!
– "Take this Waltz" (Regie: Sarah Polley) in läuft in Freiburg in der Harmonie.

Autor: Gabriele Schoder