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26. Januar 2012
Dunkle Wolken überm Paradies
TRAGIKOMÖDIE: Alexander Paynes Oscar-Favorit "The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten".
"Meine Freunde auf dem Festland glauben, nur weil ich auf Hawaii wohne, würde ich im Paradies leben. Quasi im Dauerurlaub. Wir schlürfen hier alle nur Mai Thais und gehen surfen. Sind die verrückt?" So eröffnet Matt King (George Clooney) als Erzähler und Hauptfigur Alexander Paynes preisgekrönten neuen Film "The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten". Und hat zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung, wie dunkel die Wolken wirklich sind, die ihm da aufziehen überm tropischen Paradies im Pazifischen Ozean. Das Leben ist dem Großgrundbesitzer, zweifachen Familienvater und erfolgreichen Rechtsanwalt auf Oahu, der bevölkerungsreichsten Hawaii-Insel, ja bereits jetzt überschattet genug: Seine Frau Elisabeth hatte vor dem Strand von Waikiki einen Unfall mit dem Schnellboot und liegt im Koma.
Matt, der bisher als Elternteil immer auf der Ersatzbank saß, ist plötzlich allein für die eigenwilligen Töchter zuständig. Die zehnjährige Scottie (eine Wucht: Amanda Miller in ihrer ersten Rolle) sieht sich als Künstlerexistenz und legt Fotobücher mit schonungslosen Bildern ihrer komatösen Mama an. Die 17-jährige Alexandra (Shailene Woodley gibt sie an der Seite Clooneys souverän als weibliche Hauptrolle), die auf einer der Inseln ins Internat geht, ist eine rebellische Kifferin und mit der Mutter ohnehin zerstritten. Als der Vater erfährt, warum, zieht es ihm vollends den Boden unter den Füßen weg: Elisabeth hatte einen Geliebten und wollte Matt verlassen. Eine Aussprache des Ehepaars wird es nicht mehr geben, denn als feststeht, dass Elisabeth nicht mehr erwachen wird, lässt Matt ihrem Wunsch entsprechend die Apparate abstellen.
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Alexander Payne, der amerikanische Regisseur und Oscar-prämierte Drehbuchautor (siehe Ticket-Interview) hat hier den Debütroman der Hawaiianerin Kaui Hart Hemmings verfilmt. Nicht als tränenreiche Tragödie, sondern auf die ihm eigene Weise, mit viel Gespür für Lokalkolorit und den schmalen Grat zwischen Schmerz und Komik im Leben vermeintlich gestandener Männer. Wie in "About Schmidt" (2002) Jack Nicholson, so ist ihm diesmal George Clooney ein kongenialer Darsteller und gibt seinen Matt als tragikomische Figur wie aus dem Bilderbuch.
Nach Alexandras Enthüllung spurtet Matt in Schlappen durch halb Honolulu, um Elisabeths beste Freundin und deren Mann zur Rede zu stellen – denn die wussten Bescheid. Und als er den Namen seines Nebenbuhlers kennt, Brian Speer (Matthew Lillard), macht er sich mit den Töchtern auf nach Kauai – nein, nicht um ihm den Kopf einzuschlagen, sondern ihn ans Sterbebett seiner Frau zu bitten.
Die Figur des Bankers Brian, eines lächerlichen Feiglings, markiert nicht nur Matts Fallhöhe (wie muss dieser Mann in seiner Ehe gewesen sein, um gegen einen Brian zu verlieren?), sondern ist auch Verbindung zu den Problemen, mit denen er sich parallel herumschlagen muss: Matt King, Nachfahre der hawaiianischen Königsfamilie und amerikanischen Missionaren, besitzt mit seinen Cousins eine der letzten unberührten Ländereien auf Kauai. Die soll er, der smarte Anwalt, möglichst gewinnbringend verkaufen. Aber während er lernt, für seine Töchter da zu sein, wächst auch sein Bewusstsein gegenüber dem Land, das ihm unverdient in den Schoß gefallen ist.
Nachkommen. Descendants. Alexander Peynes Roadmovie erzählt durchaus mit Pathos, aber ohne Schwulst, wie ein Mann aus plötzlicher tiefer Verunsicherung in die Verantwortung wächst – gegenüber seinen Ahnen wie seinen Kindern. Der bis in die Nebenrollen (Robert Forster als Matts Schwiegervater) exzellent besetzte Film ist weitgehend unpolitisch, dafür auf unaufdringliche Weise berührend, unterhaltsam und tröstlich zugleich. Wohl deshalb wurde er eben mit zwei Golden Globes ausgezeichnet und gehört mit fünf Nominierungen (darunter die für Film, Regie und Hauptrolle) zu den großen Oscar-Favoriten.
Wir erleben Clooneys Matt in seinem absurd komischen und herzzerreißend traurigen Alltag, der gerade im Kontrast zur paradiesischen Schönheit Hawaiis (Kamera: Phedon Papamichael) seine ganze jedermann’sche Wucht entfaltet. Auch auf der Trauminsel sind Familien kaputt, tut Liebeskummer weh, sagt Matt. Nicht nur er ist ein Hapa, wie ein Mischling auf Hawaii genannt wird: Das Leben selbst ist einer. Und dieser Film auch. Das macht ihn ja so sympathisch.
– "The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten" (Regie: Alexander Payne) läuft flächendeckender, siehe Ticket.
Autor: Gabriele Schoder
