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23. Februar 2012
Dörries "Glück": Geschundene Außenseiter
LIEBESDRAMA: Doris Dörrie verfilmte Ferdinand von Schirachs Erzählung "Glück".
Alba Rohrwacher hat ein fesselndes Gesicht. In ihren Zügen liegen Schmerz und Übermut, Zärtlichkeit und Eigensinn so nah beieinander, dass schon ein Blick, ein Lächeln Geschichten aufscheinen lässt. Die italienische Schauspielerin ("Die Einsamkeit der Primzahlen") ist in der Rolle der Prostituierten Irina ein Glück für den neuen Spielfilm von Doris Dörrie – ebenso wie ihr Partner Vinzenz Kiefer, der seinem Punker Kalle eine grundehrliche Liebenswürdigkeit verleiht. Nur sein Lächeln erinnert mitunter an die dämonische Aura von Klaus Kinski.
"Glück" ist die Verfilmung der gleichnamigen Erzählung von Ferdinand von Schirach aus dessen Band "Verbrechen" von 2009 (eine Miniserie der Verfilmung aller Erzählungen startet in diesem Jahr im ZDF). Der Rechtsanwalt von Schirach hat die Figuren und Fallgeschichten aus seinem Berufsalltag so diskret und berührend in Worte und Szenen übersetzt, dass sie sich tief einprägen. Vermutlich hatte Dörrie, die auch das Drehbuch zum Film "Glück" schrieb, etwas Ähnliches im Kopf. Aber während von Schirachs Stil sich durch inspirierende Zurückhaltung und Leerstellen auszeichnet, wählt Dörrie stets heftige, eindeutige Bilder: Im Buch stirbt ein Freier einen stillen Herzinfarkt, im Film brechen zwei Zentner über der zarten Irina zusammen.
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Berlin ist bei ihr nahezu immer laut, schrill, schnell und bunt. Nur als sie sich einmal mit dem sanften Rieseln eines blühenden Kirschbaums selbst zitiert, stehen kurz alle Autos und S-Bahnen still. Auch als Irina in einer Rückblende plötzlich inmitten eines Meers von blühendem Mohn liegt, ist das nicht einfach eine Wiese, sondern ein klatschmohnrotes Werbebild (Kamera: Hanno Lentz), dazu Schäfchen, ein liebevolles Elternpaar, Geborgenheit – Idylle!
Die wird aber sofort wieder zerstört, Panzer beherrschen nun die Szene, in Zeitlupe sieht man die erschossenen Eltern, sieht, wie Soldaten Irina die Kleider vom Leib reißen – als bräuchte es für die Verzweiflung der jungen Frau möglichst viele möglichst grausame Bilder. Immerhin weiß so jeder im Kinosaal, warum Irina aus ihrer Heimat fliehen musste und nun, mittellos, mit grellblonder Perücke als Straßenstrichnutte nachts anschaffen geht. Tagsüber weint sie sich in einem billigen Hotel unter ihrer Schäfchendecke die Augen aus. Nur gut, dass sie Kalle kennenlernt und dessen klugen Hund Byron.
Die Liebesgeschichte von "Glück" wird allen ans Herz gehen, die Sinn für den himmelstürmenden Zauber einer erwachenden Liebe haben. Das liegt vor allem an Irina und Kalle, denen man als geschundenen Außenseitern selbst sentimentale Glücksmomente gönnt. Es liegt auch an einer Reihe poetischer und witziger Inszenierungsideen. Schade nur, dass die Regisseurin auch hier immer wieder zarte Szenen durch harte Beats, Bedeutungsvielfalt durch aufdringliche Klischees zerstört.
Als die Ereignisse sich schließlich zuspitzen, weil Kalle – nur das sei von der Geschichte noch erwähnt – den toten Freier beseitigen muss, vollzieht sich das so derb komisch, dass die traurige Tragik der Geschichte auf der Strecke bleibt. Der verbale Schlagabtausch schließlich, in dem sich Matthias Brandt als Anwalt der beiden Liebenden und Maren Kroymann als Staatsanwältin zu guter Letzt über die Unvereinbarkeit von Liebe und Ehe austauschen, ist zwar amüsant, passt aber so gar nicht zu der romantischen Radikalität, die den Charme von Irina und Kalle ausmachen.
Ein Kino-Glück bietet Dörries "Glück" mithin nicht – aber doch ein starkes Ensemble und die Begegnung mit zwei unverbrauchten, spannenden Schauspielgesichtern.
– "Glück" (Regie: Doris Dörrie) läuft in Freiburg und Offenburg.
Autor: Gabriele Michel
