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14. Dezember 2011
Oper
Pfitzners "Palestrina" in Zürich: Das Konzil im Wohnzimmer
Hans Pfitzners romantische Oper "Palestrina" in Zürich.
Hans Pfitzner hat nicht viele Fürsprecher. Die Musik des 1949 gestorbenen Komponisten, der als letzter Romantiker gilt, ist von den Konzert- und Opernbühnen fast verschwunden. Pfitzners Nähe zum Nationalsozialismus machte ihn lange Zeit zu einer persona non grata. Als Ingo Metzmacher vor vier Jahren in Berlin am Tag der deutschen Einheit Pfitzners schwülstige, romantische Kantate "Von deutscher Seele" aufführte, sorgte dies für Diskussionen. Nun steht er im Zürcher Opernhaus wieder am Dirigentenpult, um mit dem Regisseur Jens-Daniel Herzog die 1917 uraufgeführte Oper "Palestrina" einem heutigen Publikum zu vermitteln. Das Libretto hatte Pfitzner selbst geschrieben. Er spürte eine große Nähe zu dem italienischen Komponisten, der Mitte des 16. Jahrhunderts die polyphone Kirchenmusik, die von Papst Pius IV. auf dem Konzil von Trient heftig kritisiert wurde, mit deutlicher Melodieführung und hoher Textverständlichkeit verband und ihr so das Überleben sicherte. Palestrinas nach diesem neuen, das Alte integrierenden Stil geschriebene "Missa Papae Marcelli" überzeugte den Klerus.
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Künstlerdrama
Es ist Jens-Daniel Herzog, der dem Abend nach und nach mehr Richtung und mehr Leben gibt. Aus den neun verstorbenen Meistern der Tonkunst, die Palestrina am Ende des ersten Aktes heimsuchen, macht der Regisseur Doppelgänger. Es ist das Ringen mit sich selbst, dem sich der Komponist in seiner Schaffenskrise stellen muss. Statt drei Engeln erscheinen ihm Ebenbilder seiner verstorbenen Frau Lukrezia (Irène Friedli), die ihm endlich die ersehnte Inspiration schenken. Hier wird auch Pfitzners Musik farbenreicher, sinnlicher und melodiöser – Roberto Saccà singt sie mit leuchtenden Farben. Den zweiten Akt lässt der Regisseur zu einer hinreißenden Groteske werden, deren bissiger Humor auch vom gut aufgelegten Zürcher Opernorchester immer wieder herausgearbeitet wird – auch wenn die Koordination zwischen Orchestergraben und Bühne nicht immer gelingt.
Das Konzil von Trient verlegt Herzog in Palestrinas Wohnung. Hier finden bei Bier und Büchsenwurst schon einmal Vorgespräche statt. Man schaut hinter die Kulissen der Geistlichkeit und gelegentlich auch unter die Soutane. Selbst die Toilette ist nicht vor Blicken geschützt (Carlo Borromeo ist Stehpinkler). Immer wieder dreht sich die Bühne und legt andere spannende Ansichten frei. Das ist alles wunderbar beobachtet und vom exquisiten Ensemble herausragend gespielt, wenn beispielsweise Rudolf Schasching zu seiner flammenden Rede eine Essiggurke in der Hand hält oder sein Kreuzzeichen beim Tischgebet zur lästigen Pflicht gerät. Mitten in diesem Treiben steht der Hausherr Palestrina und beobachtet fassungslos, wie sein Kühlschrank leergeräumt und über ihn entschieden wird. Reinhard Mayr gibt den Zeremonienmeister Ercole Severolus als coolen und stimmkräftigen Chefplaner, Michael Laurenz macht aus Abdisu einen schrulligen Popen, der in den Konzilspausen glücklich sein Knabberzeug mampft, Oliver Widmer ist ein ständig telefonierender Graf Luna mit frisch geföhntem Haar. Martin Gantner (Giovanni Morone) leitet das Konzil mit kräftigem Bariton, aber wenig Autorität, so dass am Ende das von Grabenkämpfen geprägte, klerikale Chaos in eine veritable Schlacht ausartet.
Im dritten Akt schließlich nimmt das Künstlerdrama in Zürich ein tragisches Ende. Der Jubelchor "Eviva Palestrina" kommt vom Plattenspieler, die Gratulanten sind gekauft, der Papstbesuch beim Komponisten ist ein Fake (mit kernigem Timbre: Alfred Muff). Palestrinas Sohn hat das alles inszeniert, um dem Vater neuen Lebensmut zu schenken. Der hält sich aber am Ende der Show schmerzerfüllt die Pistole an die Schläfe. Und bricht kraftlos zusammen.
– Weitere Vorstellungen: am 15.,18., 21., 30. Dez., 6./12. Jan. Karten unter: Tel. 00 41 44 268 66 66 oder online unter http://www.opernhaus.ch
Autor: Georg Rudiger
