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09. Februar 2012

Zwischen Scheu und Schamlosigkeit

DRAMA: Christian Schwochow erzählt in "Die Unsichtbare" von der Selbstfindung einer jungen Schauspielerin.

  1. Stark: Stine Fischer Christensen Foto: falcom

Bei diesem Film sollte man sich nicht vom Trailer irritieren lassen. Der könnte leicht den Eindruck erwecken, "Die Unsichtbare" sei eine deutsche Variante zu "Black Swan", Daren Aronofksys oscarprämiertem Ballettdrama. Tatsächlich erzählt der neue Film von Christian Schwochow ("Novemberkind"), den der 1978 geborenen Regisseur jetzt gemeinsam mit seiner Hauptdarstellerin Stine Fischer Christensen in Freiburg vorstellte, sowohl inhaltlich wie ästhetisch eine ganz andere Geschichte: Nicht um Perfektion und Selbstzerstörung geht es bei ihm, sondern um Ängste, Erfolgsdruck und die – allerdings radikale – Selbstfindung einer jungen Schauspielerin. Und anders als sein amerikanischer Kollege, der mit verstörend stilisierten Bildern arbeitet, gehen Schwochow und sein Kameramann Frank Lamm in Hinterhöfe, Straßenbahnen und verwinkelte Wohnungen.

Es sind alltagsnahe Bilder, die hier zeigen, wie die Dänin Stine Fischer Christensen als Josephine auf einem schmalen Grat zwischen Alltag und Bühnenrolle, Scheu und Schamlosigkeit, bedürftigem Kind und herausfordernder Frau balanciert. Fine scheint als Schauspielstudentin eher eine Fehlbesetzung. Ist sie doch gewohnt, zurückzutreten. Zu Hause gilt alle Aufmerksamkeit der alleinerziehenden Mutter (Dagmar Manzel) seit je der schwerbehinderten Schwester. Für Fine bleiben meist nur Erschöpfung, harsche Worte.

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Als eines Tages der Kultregisseur Friedmann (Ulrich Noethen) Josephine die Hauptrolle der Camille in seinem gleichnamigen Stück zuteilt, sind denn auch alle verblüfft. Die furcht- und rücksichtslose, sexuell offensiv lebende Camille scheint so gar nicht zu der verspielten, schüchternen Fine zu passen. Doch die sieht ihre Chance als Schauspielerin – und hofft zudem, durch die Annäherung an Camille ihren eigenen verborgenen Seiten auf die Spur zu kommen, das auszuleben, was sie bis dahin unterdrückt hat. Im exzentrischen Outfit, ausgerüstet mit den Gefühlen und Sätzen der Theaterfigur, sucht Josephine im "wahren" Leben nach Erfahrungen, die die Camille in ihr freisetzen. Sie beginnt eine Romanze mit einem arglosen Tunnelbauer und gibt sich zugleich mehr und mehr in die Hände und Fänge des selbstverliebten, unberechenbaren Regisseurs. Anders als Aronofskys Nina geht sie jedoch nicht unter bei diesem Trip.

Das liegt vor allem an Stine Fischer Christensen: Ihr verschmitzter Charme verleiht der Geschichte Bodenständigkeit, lässt die harten Sequenzen nicht zerstörerisch, die gefühlvollen nicht sentimental und die poetischen oft auch ein wenig übermütig wirken. So strahlt der Film, trotz Klischees und manch bleischwerer Szene, Vitalität und eine überraschende Heiterkeit aus. Für diese Camille hat Christensen alle Preise verdient, die sie schon bekommen hat und noch bekommen wird! Ihre Figur macht "Die Unsichtbare" zu einem lohnenden Film.
– "Die Unsichtbare" (Regie: Christian Schwochow) läuft in Freiburg im Apollo.

Autor: Gabriele Michel