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29. Juli 2010
Zwischen den Tonarten
TRAGIKOMÖDIE: Radu Mihaileanus Film "Das Konzert" ist von fast Shakespearehafter Spannung und Leichtigkeit.
So ist das wohl mit dem Musizieren – gelernt ist gelernt. Na ja, in den ersten Takten klingt Tschaikowsky noch ein wenig schräg, als die ehemaligen Musiker des Moskauer Bolschoi-Theaters auf der Bühne des Pariser Châtelet sitzen und sein Violinkonzert – zum ersten Mal nach über 30 Jahren – intonieren. Aber gleich nach dem Einsatz der Violinsolistin Anne-Marie Jacquet wird alles anders, es klingt beseelt. Proben und üben? – das tut ohnedies nur, wer’s nötig hat. . . Musik ist Intuition und Inspiration. Oder so ähnlich.
Wenn man Radu Mihaileanus in Frankreich so erfolgreichen Film "Das Konzert" nur nach Maßstäben von Logik und Realismus beurteilte, müsste man bald kapitulieren. Manches in diesem Drama um mehrere Künstlerschicksale zwischen den politischen Systemen mutet bei Lichte besehen an wie eine Räuberpistole. Doch das ist genau der Kniff, mit dem der französisch-rumänische Regisseur seinem Film Unverwechselbarkeit angedeihen lässt: Stilmix, ästhetische Konglomerate. Vom Melodram über den sozialistischen Realismus, von der anspruchsvollen Komödie bis zur Klamotte – "Das Konzert" moduliert zwischen den Tonarten wie ein Komponist in seiner Sturm-und-Drang-Phase. Das kann man mögen.
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Zumal die Geschichte emotional für sich einnimmt. Wie der wegen seines Einsatzes für jüdische Musiker unter Breschnew zum Putzmann degradierte Dirigent Andreï Filipov in einem Engagement in Paris eine Chance zur Vergangenheitsbewältigung erkennt, macht den Zuschauer schnell zu seinem Verbündeten. Ein unter Depressionen leidender, sensibler Künstler, dem bitteres Unrecht widerfuhr – da regt sich unser Gerechtigkeitssinn. Dass er es, ausgerechnet mit Hilfe seines einstigen Gegenspielers und ehemaligen Parteifunktionärs Gavrilov (herrlich "kommunistisch": Valeri Barinov) schafft, versteckt vor dem offiziellen Theaterapparat ein gefälschtes Bolschoi-Gastspiel im Pariser Théâtre Châtelet zu organisieren, ist eine der vielen "Surrealismen" des Films. Alexeï Guskows glaubwürdige psychologische Studie des Dirigenten wird so immer in einem gewissen Widerspruch zu den über weite Strecken vorherrschenden klischeehaften und satirischen Passsagen des Films stehen. Andererseits ist es nicht zu leugnen, dass die Geschichte hieraus ihre fast Shakespeare-hafte Spannung und Leichtigkeit gewinnt. Ernst ist das Leben, heiter die Kunst – und manchmal ist es eben umgekehrt.
Mihaileanu entwickelt die Überzeugungskraft in "Le Concert" aus den Figuren, den Charakteren, Typen und Chargen. Kein deutscher Regisseur könnte es sich erlauben, zwischendurch so dick aufzutragen, dass die Fallhöhe von der Tragikomödie zur Comedy nahezu völlig verschwindet. Etwa wenn der bunt zusammengewürfelte Orchesterhaufen in Paris sich im Feilschen und Geld verprassen übt, nicht aber im Üben. Denn mit Sicherheit wäre ein deutscher Spielfilm hier auf Privat-TV-Niveau angelangt. "Das Konzert" aber rettet sich in eine neue Tonart, nicht zuletzt auch dank Laurent Daillards exquisiter, mit den Genres jonglierender Kameraführung. Und dank toller schauspielerischer Leistungen wie der jenes Dmitri Nazarovs als treuherziger, bärbeißiger Cellist Grossman oder der Anna Kamenkova Pavlova als hinreißend russische Dirigentengattin. Und dann sind da natürlich noch die unverwechselbare Miou-Miou als Künstleragentin mit einem großen Geheimnis und die Violinsolistin, die immer mehr zur Hauptfigur des Geschehens wird. Mélanie Laurent spielt sie ganz eindringlich und mit großer Kraft. Auch in Sachen Geigenhaltung macht die Schauspielerin, die über diesen Film ihre Liebe zur klassischen Musik entdeckt hat, eine gute Figur. Apropos: Lieben Sie Tschaikowsky? Dann sind Sie garantiert richtig in diesem "Konzert", das mit den Musikstilen ebenso unbefangen umgeht wie dem ganzen Geschehen. Genau das Richtige für einen leichten Sommerabend.
– "Das Konzert" (Regie: Radu Mihaileanu) läuft in Freiburg, Lörrach, Offenburg und Villingen-Schwenningen.
Autor: Alexander Dick
