Akkordeonmusik in neuen Dimensionen

Erich Krieger

Von Erich Krieger

Mi, 13. Dezember 2017

Kirchzarten

Orchester begibt sich in Kirchzarten auf musikalische Expedition.

KIRCHZARTEN. Der etwas kryptische Konzerttitel "Auf!Bruch?" des Freiburger Akkordeon Orchesters (FAO) lockte trotz heftiger Regengüsse und Sturmböen viele Besucher am Sonntag in die Rainhofscheune nach Kirchzarten-Burg. Das FAO ist unter der Ägide seines Dirigenten Volker Rausenberger für seine Experimentierfreude und Wandlungsfähigkeit hinlänglich bekannt, doch diesmal war in den Ankündigungen gar von neuen musikalischen Ufern die Rede. Sollte etwa, wie der Titel vermuten ließ, mit allen Traditionen gebrochen werden?

Volker Rausenberger schaffte in seiner Begrüßung Klarheit. Nach sechs Jahren des Bestehens des FAO wolle man sich mit dem Komponisten und Vibrafon-Virtuosen Michael Kiedaisch auf eine musikalische Reise in ein unbekanntes Land begeben. Schon eine konzertante Zusammenarbeit Vibrafon-Akkordeon sei an sich Neuland, aber ebenso die Kompositionen Kiedaischs, die bisher unbetretene Klanglandschaften erforschten und die einen Großteil des Programms ausmachten. Der erste gemeinsam gespielte und vielsagende Titel "Terra incognita" eröffnete solche Klangwelten. Kiedaisch bearbeitete sein Vibrafon nicht nur mit den Schlägeln, sondern versetzte die Metallplatten mit Cello-Bögen in sphärische Tonschwingungen, nachdem er zuvor mit denselben Bögen unterschiedlichen Tongefäßen erdige Klänge entlockt hatte. Die Akkordeons fungierten teilweise als treibende Rhythmik-Gruppe und zitierten melodiös aus Debussys impressionistischen "Schritten im Schnee". Ganz ohne Gepäck wolle man allerdings nicht verreisen und deshalb spielte das FAO anschließend mit "Vieille Chanson" von Paul Kühmstedt und dem "Rhapsodischen Walzer" von Friedrich Haag zwei Klassiker der künstlerischen Akkordeonmusik.

Im Duo präsentierten Kiedaisch und Rausenberger weitere Kompositionen des Vibrafonisten, im Titel "Turquoise" mit dem Nachwuchs-Percussionisten Yaschar Coskun. Spätestens hier war das Publikum für das Experiment gewonnen und wurde zum aktiven Reisebegleiter. Nach der Pause abermals ein Novum: Als "Ensemble variabile" interpretierte das FAO mit sechs Instrumentalisten an Klarinetten, Akkordeon, Fagott und Rahmentrommeln aus der Freiburger Musikschule drei weitere Kiedaisch-Kompositionen und es zeigte sich, dass dieser experimentelle Blick auf bisher Ungehörtes (oder Unerhörtes?) die jungen Nachwuchsmusiker keineswegs überforderte. Das begeisterte Publikum forderte schon zu diesem Zeitpunkt Zugaben. Besser kann man junge Musiker nicht konzertante Erfahrungen auf hohem Niveau sammeln lassen. Die gehobene Stimmung blieb das restliche Programm über erhalten, das FAO brillierte mit weiteren Kiedaisch-Stücken. Enthusiastische Zustimmung zur musikalischen Expedition am Schluss gab den Forschungsreisenden recht.