Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

28. Januar 2012

"Beistand nicht auf wahllose Hilfeleistung reduzieren"

Eine Mittelschicht nimmt auf dem schwarzen Kontinent zunehmend Wirtschaft und Bildung in die Hand / Vortrag in Kirchzarten.

  1. Sie freuten sich über eine gelungene Aktionswoche zum Thema Afrika (von links): Kristin Ulrich, Weltladen Kirchzarten, Philip Bona, Caritas und die Veranstalter Wolfgang Busse, Natalia-Anna Rozpiorska und Katharina Winterhalder vom Kinder- und Jugendbüro Kirchzarten. Foto: Anne Freyer

  2. Ein zweijähriger Junge in der von Hunger und Dürre geplagten Region am Horn von Afrika Foto: dapd

KIRCHZARTEN. Ein ganzer Kontinent stand im Rahmen der Kirchzartener Afrika-Aktionswoche auch am Donnerstag im Mittelpunkt. Eingeladen hatten die Veranstalter Martin Adelmann vom Freiburger Arnold-Bergstraesser-Institut, der über "Entwicklungszusammenarbeit im Wandel" referierte. Eine lebhafte Diskussion schloss sich an.

Die "Große Stube" in der Kirchzartener Talvogtei bildete den passenden Rahmen für den Vortragsabend, den Bürgermeister Andres Hall als Hausherr eröffnete. Er wies darauf hin, dass Kirchzarten nicht von ungefähr Gastgeber dieser Veranstaltung von rund einer Woche Dauer sei, da man sich seit Jahren für Flüchtlinge und ihre Probleme in mannigfacher Form engagiere. Herzlich dankte er insbesondere Natalia Anna Rozpiorska, die als kommunale Jugendreferentin zusammen mit ihrer Praktikantin Katharina Winterhalder und Wolfgang Busse vom örtlichen "Arbeitskreis für Flüchtlinge" die mehrtätige Veranstaltungsreihe vorbereitet und begleitet hat. Mit von der Partie waren auch der Eine-Welt-Laden mit seiner Leiterin Kristin Ulrich, die evangelische Heiliggeist- und die katholische St. Gallus-Gemeinde Kirchzarten sowie die Kirchzartener Schüler ab der Klasse 8.

Werbung


Sie alle folgten interessiert den Ausführungen des Afrika-Kenners Martin Adelmann, ergänzt durch die Beiträge des Caritas-Mitarbeiters Philip Bona, der 1982 als junger Mann aus Afrika zum Studium nach Deutschland kam und zusammen mit dem Präsidenten der Ghana-Union Freiburg, Kwame Offe-Yeboam, interessante Aspekte aus afrikanischer Sicht zur Entwicklungszusammenarbeit beitragen konnte.

Ein wichtiges Thema, darin waren sich beide einig, sei das Bleiberecht, das angesichts der derzeitigen Flüchtlingsproblematik zunehmend an Bedeutung gewinne und um dessen Lösung sich der Caritas-Verband, das Rote Kreuz, die Volkshochschulen und die Stadt Freiburg gemeinsam bemühten mit dem Ziel, die Betroffenen in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Dass dies im Sinne der einst "Entwicklungshilfe", jetzt "Entwicklungszusammenarbeit" genannten Organisationen liegt, bestätigte Martin Adelmann, der sich als profunder Kenner der Materie erwies. Er beleuchtete die verschiedenen Aspekte der Hilfeleistung und zeigte anhand von Straßeninterviews, wie unterschiedlich sie von Mitteleuropäern gesehen und beurteilt werden, sofern überhaupt Kenntnisse über diese Arbeit vorhanden sind. "Wir dürfen nicht in die Mitleidsfalle laufen und müssen uns davor hüten, unsere Unterstützung auf wahllose Hilfsleistungen zu reduzieren", betonte er. In vielen afrikanischen Ländern habe sich eine Mittelschicht gebildet, die zunehmend Wirtschaft und Bildung in die Hand nehme. Diese Bestrebungen gelte es zu stärken. In 50 Jahren Entwicklungshilfe habe sich ein fundamentaler Wandel vollzogen: von der reinen Modernisierung mit Großprojekten über die Befriedigung von Grundbedürfnissen mit vielen kleinen Projekten, die Strukturanpassung an die jeweiligen Märkte bis zur gezielten Reduzierung von Armut, Hunger und Bekämpfung von Krankheiten.

"Wir dürfen nicht in

die Mitleidsfalle laufen"

Afrika-Kenner Martin Adelmann
"Jedes Jahr wird da eine neue Sau durchs Dorf getrieben", so Adelmanns Fazit; wichtig sei deshalb, auch die Aktivitäten anderer Länder – und das sind in der jüngeren Vergangenheit vor allem China und Indien – nicht außer Acht zu lassen und Entwicklungsarbeit nicht als eine nationale Aufgabe zu begreifen. Vielmehr sei es dringend geboten, dass die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, kurz GTZ, der Deutsche Entwicklungsdienst (DED) und andere nationale Einrichtungen mit international arbeitenden Gruppierungen zusammenzuarbeiten versuchten, etwa mit der internationalen Weiterbildung und Entwicklung GmbH, kurz InWEnt. Bis 2015 sei das Erreichen der angepeilten Millenniumsziele prognostiziert für Asien und Südamerika, aber nicht für Afrika, das weit hinter diesem Fortschritt zurückbleibe, trotz bereits erreichter Verbesserungen auf verschiedenen Gebieten. Eine Rolle spielten in zunehmenden Maß dabei auch die Nichtregierungsorganisationen (NRO).

Kritisch distanziert zeigte sich Adelmann gegenüber dem derzeitigen Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Dirk Niebel. Was von dessen angekündigten Zielen übrig bleibe, werde die Zukunft weisen. Noch sei jedenfalls im Hinblick auf Armut, wirtschaftliche Globalisierung, Energiegewinnung, Landwirtschaft, Umwelt unter dem besonderen Aspekt des Klimawandels und Sicherheit eine Menge zu tun, aber immer unter der Prämisse der Gegenseitigkeit und des Bestrebens, voneinander zu lernen.

Info: Heute, Samstag, 28. Januar, 20.30 Uhr, findet im JVA Stegen im Rahmen der Afrika-Aktionswoche ein Benefizkonzert statt. Mit dem Erlös aus den Eintrittskarten wird der Aufbau des Jugendzentrums "Kilimanjaro Youth Trade Centre" unterstützt. Für gute Stimmung sorgen die regionalen Jugendbands RTC, Walker’s Basement und The Skaletons. Einlass 21 Uhr. Eintritt 3 Euro.

Autor: Anne Freyer