Bildung für alle heißt Bildung für alle

Sebastian Krüger

Von Sebastian Krüger

Fr, 09. November 2018

Kirchzarten

Die Volkshochschule Dreisamtal und die Akademie Himmelreich starten in Kirchzarten Projekt für Inklusion in der Erwachsenenbildung.

KIRCHZARTEN. Die Volkshochschule (VHS) im Dreisamtal möchte allen Menschen eine barrierefreie Teilhabe an ihren Kursen ermöglichen. Sie will nicht nur verstärkt Menschen mit Beeinträchtigungen als Kursteilnehmer gewinnen, sondern auch als (Co)Dozentinnen oder (Co)Dozenten. Gemeinsam mit der Akademie Himmelreich startet sie das auf drei Jahre angelegte Projekt "Erwachsenenbildung barrierefrei – Auf dem Weg zur VHS für alle im Dreisamtal", das die Baden-Württemberg-Stiftung mit 100 000 Euro unterstützt.

Das Wort Inklusion könnten viele Menschen nicht mehr hören, sagte Reinhard Markowetz, Professor für Sonderpädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität München, bei der Vorstellung des Modellprojekts am Mittwoch in der Talvogtei. Sie denken, man hätte alles erreicht, nur weil der Begriff inflationär verwendet werde, so seine Mutmaßung. Doch dem sei nicht so. Es gebe noch viel zu tun, um Menschen mit Beeinträchtigung die gleichen Bildungschancen einzuräumen.

Der Strukturwandel, also die Entwicklung von einer Industrie- zu einer Dienstleistungs- und Wissensökonomie führe dazu, dass einfache Tätigkeiten in Billiglohnländer ausgelagert würden, so Markowetz. "Menschen mit Behinderung sind die Verlierer", sagt er – ohne darin ein Naturgesetz zu sehen. Schließlich bieten sich mit der zunehmenden Digitalisierung und dem technischen Fortschritt auch Möglichkeiten der Inklusion.

"Um die Chancen für Menschen mit Behinderung, Lernschwierigkeiten und sozialen Benachteiligungen zu wahren, müssen wir sie fördern, auf ihre Bedürfnisse eingehen und ihnen einen uneingeschränkten Zugang zu allen Bildungseinrichtungen garantieren", fordert er.

Im Rahmen des Projekts will die VHS bestehende Barrieren abbauen. Sebastian Vogl, Projektleiter der Akademie Himmelreich, stellte drei Schwerpunktthemen für die kommenden Jahre vor.

Dozenten mit Beeinträchtigung
Die VHS will Menschen mit Beeinträchtigung in den nächsten zweieinhalb Jahren befähigen, als (Co-)Dozenten selbständig Kurse anbieten zu können. "Wir wollen ihre Kompetenzen individuell stärken. Jeder bringt etwas Wertschätzendes mit", so Vogl. Menschen mit Behinderung sollen rhetorisch geschult werden, Kommunikationstechniken und den Umgang mit Humor, Lampenfieber sowie Stress erlernen. "Langfristig sollen die Menschen, die wir begleiten, in den Dozentenpool der VHS aufgenommen werden."

Weiterbildung der Dozenten
Auch die praktizierenden Dozenten an der VHS sollen vermehrt für den Umgang und die Zusammenarbeit mit behinderten Menschen sensibilisiert werden. Daher freute Vogl sich, dass rund ein Drittel der etwa 40 Zuhörer in der Talvogtei Kursleiter der VHS waren. In Fortbildungen sollen sie "Wege, Formen und Hilfsmittel kennen lernen, mit denen sie barrierefrei unterrichten können", sagte Vogl.

Bestandsaufnahme/Aktionsplan
Außerdem soll die VHS alles auf den Prüfstand stellen, fordert Vogl. "Der Weg zum Kursraum kann schon Barrieren bergen". Die Talvogtei sei vorbildlich ausgerüstet: Elektrische Türöffner, Aufzüge, barrierefreie Toiletten, Mikroanlage mit Induktionsschleife und zwei Gebärdendolmetscher, die fast zwei Stunden lang die Beiträge von Vogl, Markowetz und anderen für Menschen mit Hörbeeinträchtigung übersetzten. Gemeinsam mit den beteiligten Kommunen, die das Projekt mit 15 000 Euro unterstützen, wollen die Akademie Himmelreich und die VHS nach einer Bestandsaufnahme einen Aktionsplan erstellen, der "nachhaltig umsetzbar" sei, so Vogl.

In anschließenden Workshops tauschten sich die Anwesenden über ihre Erfahrungen aus. Ein Kursleiter erzählte, wie er gemeinsam mit einem behinderten Menschen gemalt habe und ihm dabei die Pinsel hielt. "Ein Anfang ist getan, wenn man Berührungsängste abbaue", sagte Carolyn Rössler von der Akademie Himmelreich. Die Workshopteilnehmer waren sich aber auch einig, dass Menschen mit Behinderung durch eine Sonderbehandlung keine "positive Diskriminierung" erfahren dürften, so Rössler.