Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

21. Juli 2017

Die ganze Welt des Tango in der Rainhofscheune

Freiburger Akkordeon Orchester trifft in Kirchzarten die argentinische Vollblutsängerin Josefina Aymonino.

  1. In einfühlsamen Duetten präsentierten Josefina Aymonino und Volker Rausenberger Liebeslieder mit glücklichem und schmerzlichem Inhalt. Foto: Erich Krieger

KIRCHZARTEN. "Tango ist eine deutsche Erfindung!" Mit dieser Behauptung überraschte Volker Rausenberger, Leiter und Solist des Freiburger Akkordeon Orchesters das tangoaffine Publikum in der völlig ausverkauften ehemaligen Tenne der Rainhofscheune in Burg-Birkenhof. Vielleicht etwas gewagt, aber zumindest für die Erfindung des Bandoneons, des bis heute wichtigsten Instruments für Tangomusik, zutreffend. Mitte des 19. Jahrhunderts von Heinrich Band aus Krefeld entwickelt, fand es durch deutsche Auswanderer seinen Weg nach Argentinien und startete von dort aus als klassisches Tango-Instrument seinen Siegeszug durch die ganze Welt.

Beim Konzert in der Rainhofscheune war kein Original zu sehen und zu hören, dafür aber ein hochklassiges Akkordeon-Ensemble, dessen Sound der Bandoneon-Klangfarbe sehr nahe kam und ganz eigene Akzente setzte. Dass Tangomusik keineswegs nur mit Argentinien oder anderen südamerikanischen Regionen identifiziert werden darf, bewies gleich das erste Stück "Satumaa" des finnischen Komponisten Unto Mononen. Fließender, mit weniger synkopischen Überraschungen als in den heißblütigsten argentinischen Melodien, entstand durch die Musik in Moll-Tonart sofort das Bild einer melancholischen Mittsommernachtsszene in Skandinavien. Ganz anders im "Preludio para el ano 3001" des argentinischen Großmeisters Astor Piazzola. Für diese Fantasie in eine ferne Zukunft mussten die 16 Musikerinnen und Musiker schon alle Register ziehen und ebneten mit Feuer und Schwung den Weg für den Auftritt der argentinischen Sängerin Josefina Aymonino aus La Plata. Mit "Madreselva", einem Lied über die vielfältigen Geißblatthecken sang sie sich sofort in die Herzen des Publikums.

Werbung


Schon bei diesem ersten Lied spürte man, dass die temperamentvolle Sängerin mit ihrer direkt präsenten Stimme, ihren blitzenden Augen und ihrer körperlich agilen Performance als leibhaftige Widerspiegelung aller sentimentalen, leidenschaftlichen und überschäumenden Komponenten des Tangos gelten kann. Ihre witzig-koketten Ansagen in einem lustigen Mix aus Englisch, Deutsch und Spanisch taten ein Übriges. Nur von Volker Rausenberger am Akkordeon einfühlsam begleitet und gänzlich ohne Mikrofon führte Josefina Aymonino mit "El dia que me quieras" und Yo no s´s que me han hecho tus ojos" musikalisch hoch emotional durch Höhen und Tiefen der Liebe. "Vuelvo al sur" von Piazzola besang die Sehnsucht nach dem Süden vermutlich eines Emigranten und in der Geschichte einer Auseinandersetzung zwischen Arm und Reich in "Arrabalera" von Sebastian Piana legte die Sängerin ihre gesamte Person.

Den ersten Teil beendete instrumental das Gesamtorchester mit dem "Concierto para Quinteto" von Piazzola, welches der Meister selbst zu seinem Vermächtnis an die Nachwelt zählte, belohnt mit wahren Beifallsstürmen. Auch der zweite Teil zeigte, wie vielseitig und international Tangomusik sein kann. Ein lapidar "Tango" tituliertes Stück von Stefan Wolpe, der im Berlin der 20er-Jahre eng mit Hanns Eisler und Kurt Weill zusammenarbeitete und später aus politischen Gründen und rassistischer Verfolgung ins Exil getrieben wurde, zeigte, dass selbst mit minimalistischer Ornamentik Tango-Feeling aufkommt.

Balkan Tango präsentierte das Orchester mit dem "Underground Tango" des durch seine Filmmusiken berühmt gewordenen bosnischen Komponisten Goran Bregovic. "La morocha" von Enrique Saborido" bezeichnete Josefina Aymonino als wohl weltweit bekanntestes Tangolied und in ihrer mitreißenden Ausstrahlung sang sie in weiteren Stücken von Themen wie Migration, romantischer Liebe und verließ einmal ihre eigene Heimat für den galizischen Tango "Negra Sombra" von Juan Montes, der ein Gedicht von Rosalia de Castro über die Schwarzen Schatten vertonte, die über eine verlassene Geliebte hereinbrechen.

Zweifellos der Höhepunkt war ihre Interpretation der "Apología Tanguera" von Rosita Quiroga. Hierin habe die Komponistin "es allen gezeigt: Der Tango ist eine Frau". So von Aymonino anmoderiert, löste sie diese Behauptung vollkommen überzeugend ein. Mit Piazzolas "Balada para un loco", einer einzigen Hommage an die Stadt Buenos Aires schloss dieses denkwürdige deutsch-argentinische Meeting und ein wahrer Jubelsturm brach los, der minutenlang anhielt.

Dieses Konzert auf hohem künstlerischem Niveau bewies, dass Tangomusik nicht nur die adäquate Basis für leidenschaftliches Tanzerlebnis bietet, sondern ohne weiteres auch konzertant zu genießen ist.

Autor: Erich Krieger