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15. November 2017

Zwei Brüder, zwei Musikwelten – ein Zusammenklang

Erstes Konzert der neuen Reihe "Literatur und Musik in Kirchzarten" in Kirchzarten mit Michael und Markus Dinnebier sowie zwei Poetry Slammern aus Freiburg.

  1. Was hier wie ein Fechtduell zwischen Michael Dinnebier (links) und seinem Bruder Markus aussieht, war in Wirklichkeit das kongeniale Zusammenspiel zweier Könner aus zwei Musikwelten. Foto: Erich Krieger

KIRCHZARTEN. "Hier muss Musik rein", sagte sich die Harfenistin und Dozentin an der Freiburger Musikhochschule Kirsten Ecke, als sie anlässlich der Einweihung des Bürgersaales in der restaurierten Talvogteischeune Anfang des Jahres dort spielte und die vorzügliche Akustik erleben konnte. Mit ihrem Mann Michael Dinnebier, seines Zeichens Violinist im SWR-Symphonieorchester, kreierte sie das Konzept für eine neue Konzertreihe mit dem Kürzel "Lumik", hinter dem sich ausgeschrieben "Literatur und Musik in Kirchzarten" verbirgt.

Die beiden stellten flugs ein Programm mit fünf Konzerten bis Juli 2018 zusammen. Allesamt vom Charakter her Kammerkonzerte, fügten sie verschiedene Musikstile und literarische Performance zusammen und ermöglichen so spannungsgeladene einzigartige Begegnungen zwischen Wort und Musik. Als direkte Nachbarn der Talvogtei ist für sie der Bürgersaal auch quasi ein zweites Wohnzimmer.

"Crossover in concert" nannten sie das erste Konzert. Michael Dinnebier, als klassischer Geiger, und sein Bruder Markus, ebenso von der Muse geküsst, aber als Multi-Instrumentalist auf der Rock-, Folk- und Jazzbühne unterwegs, loteten aus, wie gut sich diese zwei Musikwelten vertragen. Michael begann auch ganz klassisch, Markus unterstützte ebenfalls auf der Geige in den tiefen Lagen, aber allmählich, fast unmerklich, glichen sich die beiden an, und ihr musikalischer Dialog endete in einem furiosen Sinti-Jazz-artigen Finale.

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Sofort war klar: Das passt, und wie! Ihr zweites Stück nannten sie "Aha", denn so reagierte der klassische Michael, der zur Vorbereitung des Konzerts für 200 Euro Noten gekauft hatte, auf seinen wohl eher improvisatorisch aufgelegten Bruder, der statt einer Partitur eine Melodie vorspielte, aus der sich das vorgetragene Stück entwickelt hat. Besser wäre wohl gewesen, die Beiden hätten ihre Arbeitsweise vor der Investition genauer abgesprochen. Das Stück wurde dann eine Hommage an den Vater, der selbst Geiger, aber auch Posaunist in einer Dixie-Band war. Im Stück "Sunny" kamen die beiden Musiker derart auf Touren, dass man weniger an die goldene Herbstsonne dachte, als vielmehr an die gewaltigen Materieströme auf der Sonne. In die Beine und in rhythmisches Klatschen mündete dann eine Aneinanderreihung von sprühenden irischen Reels und Hornpipes. Wer so gut spielen kann wie die Beiden, darf auch noch als i-Tüpfelchen Elektronik einsetzen: Mit Hilfe einer Loopmachine wurde aus dem Duo ein ganzes Orchester, und Markus konnte damit Geige und Gitarren in einem Stück einsetzen, wobei sein jeweils vorher gespielter Part in einer Endlosschleife weiterlaufen konnte.

Dies erwies sich auch bei einer Adaption einer Komposition minimalistischer Musik von Philip Glass als hilfreich, bei der Markus den durchgängigen Basslauf auf einer selten zu hörenden Bariton-Gitarre in den Loop spielte. Andere Hilfsmittel, wie Wah-Wah-Effekt, ergaben Heavy Metal-Feeling bei "Nothing else matter" von Metallica. Die beiden warteten mit immer neuen Überraschungen auf, die jedoch sämtlich unterstrichen, dass zwei Musikwelten in ihrem Aufeinandertreffen nicht nur zusammenpassen, sondern, von Virtuosen repräsentiert, Neues kreieren können.

Doch damit nicht genug. Als Special Guests standen zwei junge Poetry Slammer aus Freiburg auf dem Programm. Phillipp Multhaupt erzählte ein skurriles Märchen von einem in voller Montur im Keller vor der Waschmaschine sitzenden Astronauten, der der Welt vorspielt, dass er gerade im Weltall Gesteinsproben sammelt und dies vielleicht sogar selbst glaubt. Und er las Ausschnitte aus seiner Novelle "Über die Erhabenheit toter Katzen und das Umwerben trauriger Mädchen", über eine Kindheit des Ausgeliefertseins in einer Kleinstadt mit "unverstehenden" Eltern.

Jonathan Löffelbein verzweifelte in einem Text zunächst an seiner defizitären Männlichkeit mit Streichholzbeinen und ohne Bizeps, dessen Freundin ihn sich "gefährlicher" wünscht, dabei studiert er doch bloß Germanistik. Ein anderer Text befasste sich – sehr zum Leidwesen von Michael Dinnebier – mit dem exzessiven Zerschmettern von Geigen, in dem zumindest zugestanden wurde, dass eine Stradivari bei diesem martialischen Akt standesgemäß wohltönendere Geräusche von sich gibt als andere Instrumente.

Diese hochspannende Mischung aus in diesen Konstellationen nie gehört und gesehenen Elementen riss die Besucher förmlich mit und fand einhellige begeisterte Zustimmung. Ein gutes Omen für die folgenden Veranstaltungen der Reihe.

Info: Als nächstes Event folgt am 11. Januar um 20 Uhr ein Abend mit "Hoffmanns Erzählungen", Musik und Poesie für Harfe, Streichquartett und Erzählerin mit Kirsten Ecke (Harfe), dem Bertold-Quartett und der Schauspielerin Renate Obermaier, ebenfalls im Bürgersaal der Talvogtei in Kirchzarten.

Autor: Erich Krieger