Alles, was das Herz begehrt

Johannes Adam

Von Johannes Adam

Mi, 19. Dezember 2018

Klassik

Max Regers Spätromantik: CDs mit Orchesterwerken, Liedern, Chor-, Kammer- und Orgelmusik nebst DVD-Doku und Buch.

Am 11. Mai 1916 starb in einem Leipziger Hotelzimmer der Komponist Max Reger 43-jährig an Herzversagen. Im Umfeld des 100. Todesjahres und als Nachklapp ist eine Reihe bemerkenswerter Tonträger und Publikationen zu dem großen, nicht unumstrittenen Spätromantiker erschienen, der ein so reiches wie vielschichtiges Œuvre schuf. Aus dem aktuellen Angebot haben wir – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – besonders Signifikantes ausgewählt. Dazu hier jeweils ein paar Notizen.

Grundlegend informieren kann man sich bei "Maximum Reger" (Fugue State Films; Naxos). Dieses liebevoll realisierte Projekt, dessen Titel den Vornamen des Komponisten und den Superlativ wortspielerisch verknüpft, besteht aus sechs DVDs und fast 1000 Minuten Inhalt. Der Londoner Will Fraser ("Ich liebe Max Regers Musik, seit ich sein Werk als Teenager entdeckte") koppelt in der Dokumentation Leben und Werk. Fraser möchte für Reger eine Lanze brechen, ihn als großen Komponisten exponieren. Das Vorhaben gelingt. Susanne Popp, die Karlsruher Biographin (wir berichteten) und Päpstin der Reger-Forschung, kommt gesprächsweise zu Wort. Viel Musik ist zu hören – und eben auch zu sehen. Namhafte Reger-Interpreten sind in Aktion: etwa der Organist Bernhard Haas und der Pianist Markus Becker, der mit Regers gesamtem Klavierschaffen reüssiert hat. Bernhard Renzikowski, der an der Freiburger Musikhochschule lehrt, begleitet die Mezzosopranistin Frauke May an den Tasten. In Sachen Kammermusik tritt das Frankfurter Aris-Quartett auf den Plan.

Die Kammermusik bildet in Regers Schaffen gleichsam einen roten Faden: Opus 1 ist eine Violinsonate, am Ende steht das A-Dur-Klarinettenquintett op. 146. Den beiden luziden Streichtrios widmet sich exemplarisch das Trio Lirico (audite). Franziska Pietsch (Violine), Sophia Reuter (Viola) und Johannes Krebs (Cello) spielen mit viel Ausdruck – und treffen wunderbar die Intention des Komponisten. Präzis und wohldosiert sind im E-Dur-Larghetto des a-Moll-Trios op. 77b von 1904 die Vortragsanweisungen espressivo und dolce umgesetzt. Mit dem Pianisten Detlev Eisinger erfährt überdies das Klavierquartett a-Moll op. 133 aus der Meininger Zeit eine packende Wiedergabe. Jenes Opus, bei dessen Uraufführung 1915 im Leipziger Gewandhaus der Komponist den Klavierpart betreut hatte.

Eine mit den Klavierwerken (und der Kammermusik) vergleichbare Rolle kommt bei Reger der Gattung Lied zu. Rund 300 Klavierlieder hat er komponiert, von denen aber nur ganz wenige ("Mariä Wiegenlied") bekannt sind. Im Konzertbetrieb findet man sie kaum – weil diese Lieder nicht selten kompliziert sind. Reger, der Goethe für auskomponiert hielt, griff bevorzugt zur Lyrik von Autoren seiner eigenen Zeit. Auf ihrer CD "Songs by Max Reger" (Hyperion) liefern die Sopranistin Sophie Bevan und der Pianist Malcolm Martineau 33 Exempel aus dem Reger’schen Liedfundus. Innig klingt da die Liliencron-Adaption "Glückes genug", sehr luftig das Klavier bei der Dehmel-Versinnlichung "Waldseligkeit". Auch wird offenkundig, dass Reger das Mackay-Gedicht "Morgen" 1902 fast impressionistisch rezipiert, anders als Richard Strauss 1894. Wer sich mit dem Thema intensiver befassen möchte, dem bietet der von Jürgen Schaarwächter herausgegebene Band "Max Reger und das Lied", der auf einer interdisziplinären Karlsruher Tagung basiert, Profundes und Detailliertes – so auch zu den Doppelvertonungen Strauss/Reger (Reger-Studien, Bd. 10, Carus Verlag, Stuttgart. 298 Seiten, 28,80 Euro).

Der lohnenden, gleichfalls kaum präsenten Reger’schen Resultate für Männerchor vorbildlich angenommen hat sich das Ensemble Vocapella Limburg – jene Formation, die man im Mai beim Deutschen Chorwettbewerb in Freiburg bewundern konnte. Auf zwei CDs (Rondeau) beweist der von Tristan Meister geleitete Chor seine Klasse. Man hört einen runden, warmen und in allen Stimmgruppen ausgewogenen Klang. Wobei der erste Titel auf der ersten CD wie ein antizipierter Kommentar zum Hitzesommer 2018 wirkt: "Die Erde braucht Regen". Die Werke zeigen Reger als sehr fähigen Chorkomponisten, im dunklen Timbre mit Brahms verwandt.

Einer Großtat in puncto Reger kann sich – wer hätte das gedacht? – die Deutsche Grammophon rühmen. Auf zwölf CDs legt das Gelblabel Regers Orchesterwerke vor. Klar wird, wie er an seiner Aufgabe als Orchesterkomponist gewachsen ist. Man findet alles, was das Herz begehrt: klangsinnlich die Mozart-Variationen und die Romantische Suite, Walzer-Eleganz in der Ballett-Suite, zudem die Konzerte, den 100. Psalm. Vor allem der Dirigent Horst Stein und die Bamberger Symphoniker erweisen sich in Klang, Ausdruck und Farbe als hervorragende Reger-Exegeten. Erfreulich, dass das späte, Fragment gebliebene lateinische Requiem Berücksichtigung fand.

Max Reger ist der nach Bach bedeutendste deutsche Orgelkomponist. Dass die Münchner Musikhochschule, als Franz Lehrndorfer einst dort wirkte, diesbezüglich ein Oberzentrum war, dokumentieren zwei CDs mit historischen Aufnahmen. Die Mitschnitte aus dem Reger-Jahr 1966 ("B-A-C-H", "Morgenstern"-Fantasie) entstanden am obertonreichen, orgelbewegten Steinmeyer-Instrument im Konzertsaal der Münchner Hochschule ("Franz Lehrndorfer – Live", Vol. 9; Butz), die d-Moll-Sonate erklang 1978 an der Zeilhuber-Orgel des Liebfrauendoms ("Franz Lehrndorfer – Live", Vol. 10; Butz). Für diese Musik würde man heute grundstimmigere Instrumente bemühen und weniger mixturig verfahren. Zeitlos aber ist die klare Souveränität, mit der Lehrndorfer ein Extremwerk wie die sogenannte Inferno-Fantasie op. 57 von 1901 technisch und musikalisch bis hin zum Auskosten des Lyrischen gestaltet. Ja, solche Interpretationen sind Klassiker. Und die altern nicht.