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21. Januar 2012

Ausgezeichnete Baustelle

Das Philharmonische Orchester Freiburg erhält den Preis fürs "beste Konzertprogramm".

  1. Prämiert: das Philharmonische Orchester Freiburg und sein komponierender Chef Fabrice Bollon Foto: korbel

Besser könnte das Timing kaum sein. Im Jahr seines 125. Jubiläums bekommt das Philharmonische Orchester Freiburg den Preis des Deutschen Musikverleger-Verbandes (DMV) für das "beste Konzertprogramm". Wobei die Auszeichnung, die schon 1998/99 nach Freiburg ging, kein Geburtstagsgeschenk ist, sondern der programmatischen Arbeit des Orchesters und seines Chefs, Generalmusikdirektor Fabrice Bollon, gilt. Und da geht es um Kriterien wie "Vielseitigkeit und Kreativität", den Stellenwert der Neuen Musik in den Programmen oder ein besonderes Augenmerk auf ungewöhnliche Besetzungen. Überreicht wird der undotierte Preis beim nächsten Sinfoniekonzert am 7. Februar im Konzerthaus, das mit drei in zeitlicher Nähe entstandenen Werken von Sibelius, Prokofjew (mit dem Pianisten Igor Kamenz als Solisten) und Elgar ein aktuelles Beispiel für unkonventionelle Programmgestaltung ist.

Eine "Riesenbaustelle" sei die Entstehung des Konzertsaisonplans, sagt Fabrice Bollon, für den die Vielfalt das wichtigste Gestaltungskriterium bedeutet. Weshalb bei ihm auch kein Platz für Dogmen ist. "Ich bin nicht dazu da", sagt Bollon, "bestimmte Kunstvorstellungen durchzuboxen". Auch allzu dramaturgisch verkünstelte Programme mag der Franzose nicht. Bezüge ja, wobei sich die manchmal auch durch Zufall ergäben. Bollon sieht sich und seine Musikerinnen und Musiker da ganz in der Tradition der städtischen Orchester, deren Auftrag der einer möglichst breiten Musikvermittlung war und ist. Weshalb er auch eine große stilistische Bandbreite postuliert. Jubiläumskult und runde Komponistengeburtstage lehnt er ab. "Wir spielen Schumann nicht, weil er runden Geburtstag hat, sondern weil wir ihn spielen wollen."

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Dass der vorgegebene Etat so manche Idee nicht realisieren lässt, räumt Bollon ein. Und da das Philharmonische Orchester mit seinen 66 Planstellen am unteren Ende seiner Liga rangiert, bedeutet das im Hinblick auf groß besetzte Orchesterwerke, dass es häufiger Aushilfen bedarf. Und auch da sind die Bandagen eng. Bollon: "Wir haben für Zusatzmusiker den niedrigsten Satz in ganz Baden-Württemberg." Dass der Orchesterchef deshalb schon seit langem um eine moderate Aufstockung des Ensembles ringt, ist nachvollziehbar. Zumal das durch die zahlreichen Dienste im Theatergraben geforderte Orchester in der Musikstadt Freiburg in harter – fruchtbarer – Konkurrenz zu namhaften Klangkörpern steht.

Ein Dirigent, der sich mehr als Komponist fühlt

Ob die bevorstehende Jubiläumsspielzeit Verbesserungen bringt? Am 30. September, zum ersten Sinfoniekonzert gibt es einen großen Festakt. Und im Mittelpunkt der Saison 2012/2013, soviel verrät Bollon schon, werden die Musiker des Orchesters stehen – auch als Solisten und bei ungewöhnlichen Happenings.

Der Generalmusikdirektor sieht sich bei all dem nicht als zentrale Figur. Es verblüfft eher, wenn er sagt: "Ich fühle mich mehr als Komponist als als Dirigent." Wenn er in dieser Eigenschaft bislang in Freiburg kaum hervorgetreten ist, hat das etwas damit zu tun, dass er den schmalen Bereich Neue Musik in den Spielplänen für Kollegen offen halten möchte, sagt er. Dass er nach seinen Musikstudien in den Dirigentenberuf gegangen ist, war ihm wichtig. Weil es heute "der Blick des Praktikers" sei, "der vielen Komponisten oft fehlt". Das sei in früheren Generationen anders gewesen – Bollon verweist auf Komponisten wie Richard Strauss, Claude Debussy oder Gustav Mahler, die als praktizierende Musiker und Dirigenten stets einen Blick für das Machbare hatten. Vor diesem Hintergrund findet er es schade, dass es seit Karajan eine "Entwicklung zum Größenwahn" gegeben habe, die letztlich die Musikszene spaltete – in die unvereinbaren Größen E- und U-Musik. Zumal Bollon als Komponist einen ganz anderen, universellen, vom Jazz und Rock beeinflussten Blick pflegt.

Ein Bild davon kann man sich bei der bevorstehenden Uraufführung seines Klavierzyklus "Euphonies miniatures" machen. Ein Stück, das Bollon für angehende Pianisten verfasst hat – anspruchsvoll, doch spielbar. Und mit vielen Verweisen auf die Tradition. Doch über Formanalyse will der Komponist nicht so gerne reden: "Musik ist da", sagt er, "um jemand in eine andere Welt zu katapultieren." Ganz ohne Erläuterungen.
– Uraufführung von "Euphonies miniatures" am 24. Januar, 20 Uhr, Augustinum, Freiburg: Werke von Ysaye, Bollon, Fauré. Michiko Yamadan, Violine; Roglit Ishai, Klavier (Nabering-Konzerte).

Autor: Alexander Dick