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25. Januar 2012
Belcanto im Bierkeller
"Die Nachtwandlerin" von Vincenzo Bellini: Jossi Wieler inszenierte zum ersten Mal als neuer Stuttgarter Opernintendant .
Gespanntheit im Saal. Insider von weither. Jossi Wieler inszenierte an der Stuttgarter Staatsoper erstmals, seit er dort Intendant ist. Die Wahl fiel auf Vincenzo Bellinis "Nachtwandlerin". Zunächst jedoch die stürmische Begrüßung des Dirigenten Gabriele Ferro, der hier von 1992 an fünf GMD-Jahre verbrachte. Und bald schon erweist er sich als Bellini-Interpret ersten Ranges. Bei ihm trägt schon das Instrumentale Züge von dessen Belcanto – die "langen, langen, langen Melodien", die der alte Verdi so pries, die weit geschwungenen Linien, denen allenthalben etwas Melancholisches, etwas Elegisches anhaftet. Und so stützt der Mann am Pult auch die Sänger ab. Er atmet mit ihnen, lässt ihnen Zeit, sich zu entfalten. Seine Tempi sind auch nie aus Effektgründen übertourt. Gleichwohl, das Idyll treibt er zielsicher in die (Beinahe-)Tragödie.
Am eindrucksvollsten dankt die Makedonierin Ana Durlovski ihm seine Fürsorge. Sie ist die Titelheldin Amina, die auf ihren somnambulen Exkursionen just am Tag ihrer Hochzeit im Gasthausbett des jungen Grafen landet und nun ihren Ruf weg hat. Erst ein zweiter nächtlicher Spaziergang vor aller Augen lässt ihr Gerechtigkeit zuteil werden. Und überdies ist die Dorfgemeinschaft jetzt auch über die Identität des zur heimatlichen Folklore zählenden Gespensts im Bilde. Nach kurzem Anlauf gelingen Durlovski die schönsten lyrischen Bögen. Sie stuft dynamisch wunderbar ab, erlesen bis ins Pianissimo. Ihre Koloraturketten sitzen punktgenau, die Szenenschlüsse krönt sie mit phänomenalen Spitzen. Am Ende spendiert die Regie ihr eine der um 1831 gern platzierten Wahnsinnsszenen. Sie wird irre an dem, was mit ihr getrieben wurde. Ihre erotische Konkurrentin Lisa, die’s einst mit ihrem Bräutigam hatte und nun den jungen Edelmann ins Auge fasst, liegt Catriona Smith gut in der beweglichen Kehle. Liang Li führt als Graf Rodolfo seinen umfänglichen Nobelbass ins Treffen. Luciano Botelho als Aminas Verlobter Elvino: Da müssen wir uns ein paar Extremhöhen denken. Allerdings auch: ein federleichter tenore di grazia, der dem reichen Grundbesitzer wie angepasst sitzt. Der ist hier ein charakterschwach-gefallsüchtiger Stenz, der sich durch die Reihen schäkert, hier ein Klaps, dort ein Scherzchen, und ganz zuletzt die auf ihn wartende Braut wahrnimmt.
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Wir sind längst bei der szenischen Herrichtung, bei Wieler und seinem Dramaturgen und Co-Regisseur Sergio Morabito. Und: Wir sind bei einem unverkennbaren Anna-Viebrock-Raum. Bei ihr natürlich: keine Ortsmitte, kein Mühlrad, nicht Wald noch Flur. Sondern: Die Hochzeitsgesellschaft steigt die Treppe ins Bierkellergewölbe von Lisas nicht übermäßig properem Gasthof herab. Turmhohe Schränke, die sich als Lauschversteck eignen, grobe Holztische, die mehrmals mit viel Lärm auf- und abgebaut werden. Und ganz am Rand der vollgestopfte Briefkasten, den niemand leert. Ungepflegtheit, so gar nichts Festliches. Auf den Tabletts Schnaps und nochmal Schnaps. Er wird gebraucht, von Lisa auch, um Frustration hinab zu spülen.
Die Stuttgarter Szeniker blicken hinter die Fassaden der ärmlichen Schweizer Dörfler, forschen nach den Dingen, die sich hinter der Schönheit der Musik verbergen (könnten). Das Mädchen Amina, das da linkisch-unbeholfen hereinstakst, ist fast noch ein Kind. Staunend folgt sie, wenn sie ins Festkleidchen genötigt wird, in die ihr gänzlich fremden Pumps steigen soll. Amina ist fremdbestimmt, ist Objekt. Die Ziehmutter der Waise (streng, unnachgiebig: Helene Schneiderman) unterzeichnet den Ehekontrakt, der Verlobte hat sie immer schon dahin geschubst, wo er sie haben wollte. Lisa, deren Dienste er nicht mehr benötigt, versucht er mit einem Geldschein ruhig zu stellen, worauf sie ihn ohrfeigt. Was der Süßholz raspelnde Graf, der sich schon bei Lisa nahm, was sie ihm bot, mit der Schlafwandlerin tut, reicht an den Tatbestand des Missbrauchs heran.
Die Bierkellergesellschaft aus den Fünfzigern bietet – auch dank Michael Albers spielfreudigem Idealchor – ein als Spießbürgerlichkeit eingekleidetes Szenarium der Düsternis: Neid, Misstrauen, Verstocktheit, bösartiger Spott, Nickligkeiten. Und im Hintergrund der Glaube ans Gespenst, für dessen Erscheinen sie sich mit Axt und Sense rüsten. Die Aufführung erreicht eine lastende Spannung, ist ungeheuer präzise durchgearbeitet und strotzt vor kleinen Fingerzeigen, ob die Wirtin nun den nassen Hut des heimkehrenden Grafen ausschüttelt, ob irgendjemand irgendwo mit dem Putzlappen hantiert oder ob die vor Neugier platzenden Bauern das gräfliche Gepäck aufbrechen und ein Bücherkoffer auf den belesenen, der Aufklärung anhängenden Aristokraten weist. Einspruch freilich, wenn die Detailfuchserei sich vor die Musik schiebt, wenn sie um Aufmerksamkeit ringen muss. Enthusiastische Zustimmung, kaum Protest.
– Weitere Aufführungen: heute sowie am 28. Januar, 3., 5. und 22. Februar, 3., 6., 10., 13. und 18. März. Tel. 0761/ 202090.
Autor: Heinz W. Koch
