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15. November 2017

Klassische Musik

Pianist und Dirigent Daniel Barenboim wird 75

Heute wird der Pianist und Dirigent Daniel Barenboim 75.

  1. Daniel Barenboim am Klavier – im Januar in der New Yorker Carnegie Hall Foto: dpa

Die Öffentlichkeit tut sich schwer mit den Genialen. Sie sind unbequem, sie sind oft genug nicht zu begreifen. Allenfalls zu bewundern. Als Daniel Barenboim mit acht Jahren in seiner Heimatstadt Buenos Aires am Klavier debütierte, meinte ein Kritiker, seit Mozart habe es kein solches Wunderkind mehr am Klavier gegeben. Ein anderer dagegen schrieb, es sei "kriminell", ein Kind auftreten zu lassen, das keine Begabung habe. Unverständnis und Ungerechtigkeit sind oft beheimatet.

Heute, 67 Jahre danach, gilt es als Axiom des Musikbetriebs, dass das Wunderkind von einst ein ganz Großer ist. Daniel Barenboim gehört zweifelsfrei zu den bedeutendsten Künstlern der Gegenwart. Und das hat etwas damit zu tun, dass er sich nie hat festlegen lassen, immer neugierig geblieben ist. Barenboim der Pianist. Barenboim der Dirigent. Barenboim der Homo Politicus. Nicht zuletzt der unermüdliche Einsatz des jüdischen Weltbürgers für seine Utopie, die Aussöhnung im Nahen Osten, hat ihn über die Musik hinaus bekannt gemacht. Sein West-Eastern-Divan Orchestra mit jungen Musikerinnen und Musikern aus Israel, Palästina, Ägypten und anderen Ländern Arabiens und des Westens ist ein künstlerisches Projekt von politischer Symbolwirkung. Eine Oase des geistig-sittlichen Miteinanders, eine Klang gewordene Utopie, die zumindest deutlich macht, dass Mitmenschlichkeit auch im Angesicht politischer – und auch künstlerischer Rivalität möglich ist.

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Denn mit einem ist Daniel Barenboim, wie alle Genialen, in steter Feindschaft: dem Mittelmaß. Er ist schlicht zu gut, um sich mit dem Erreichten auf halber Strecke zufriedenzugeben. Und wenn er es tut, was ihm zuweilen vorgeworfen wird, dann allenfalls, weil sein Geist schon den nächsten Herausforderungen entgegenschweift. Joachim Kaiser, der große Klaviermusikkenner des 20. Jahrhunderts, hat versucht, das in seiner Charakterisierung des Pianisten Barenboim zu benennen. "Das ,Technische‘ war ihm selbstverständlich", schrieb er in seinem Standardwerk "Große Pianisten in unserer Zeit". "Aber es wurde ihm offenbar nebensächlich." Mit anderen Worten: Barenboim sei als Pianist zu versiert gewesen, um sich mit Handwerk zufriedenzugeben. Es ist merkwürdig, dass dieser Vorwurf die Barenboim-Rezeption – ob als Pianist oder Dirigent – immer wieder begleitet hat. Von perfekten Barenboim-Abenden, denen es aber an Gestaltungswillen, an Tiefe gefehlt habe, ist da zuweilen zu lesen. Scharfe Beobachtung? Neid? Oder das Fremdeln mit dem Genius?

Barenboims Interpretationen sind erfrischend unideologisch

Anlässlich von Barenboims 75. Geburtstag am heutigen 15. November hat die Deutsche Grammophon eine Box mit 39 CD-Alben herausgebracht: "The Solo Recordings" – Klavieraufnahmen von einer kaum bekannten frühen Philips-Pressung von 1955 bis tief hinein in die Gegenwart. Dieses Geburtstagsgeschenk war notwendig. Lässt sich doch anhand dessen die Frage diskutieren, inwieweit der Klaviergenius Barenboim mitunter Opfer seiner selbst geworden sein könnte. Überrascht die Antwort nun oder wirkt sie voreingenommen? So viel Klavierglück hat wohl selten ein Pianist über einen so langen Zeitraum beschert.

Selbst wenn man sich auf den Standpunkt eines Joachim Kaiser stellt und Barenboim weniger Intellektualität als emotionale Tiefe attestiert, muss man vor der künstlerischen Reife der Interpretationen doch auf die Knie gehen. Barenboim hat sich den Werken zwar nie aus dem Impetus musikwissenschaftlichen Forscherdrangs genähert – was auch für seine Arbeit als Dirigent gilt. Historisch informierte Aufführungspraxis, historisches Instrumentarium interessieren ihn nicht; der technisch modernste, klanglich brillanteste Flügel war ihm immer der beste. Aber das bedeutet, ins Positive gewendet, dass seine Interpretationen auch stets erfrischend unideologisch sind. Ganz im Sinne eines seiner ganz frühen Mentoren, des Dirigenten Wilhelm Furtwängler: Das Werk spricht durch den Künstler – aus ihm und mit ihm.

Zum Beispiel im Fall Beethoven, zum Beispiel sein op. 13 "Pathétique". Da hält die Box reizvolle Vergleichsmöglichkeiten parat – eine Einspielung für das US-Label Westminster von 1959 und die 25 Jahre jüngere DG-Aufnahme. Grave ist nicht gleich Grave: Für die Einleitung des Kopfsatzes braucht der junge Barenboim etliche Sekunden weniger, der gesamte Satz gerät ihm ein Vierteljahrhundert später um fast eine Minute länger. Festzuhalten gilt indes, dass es stilistisch keine vollkommenen Brüche gibt. Transparenz, sparsamer Pedalgebrauch und expressiver künstlerischer Ausdruck bei höchster technischer Reife (Anschlagstechnik!) bestimmen beide Aufnahmen.

Es bereitet ein großes Vergnügen, dem pianistischen CD-Gesamtwerk Baren- boims nachzuspüren. Seine Schubert B-Dur-Sonate D 960 hält spielend dem Vergleich mit Interpretationen anderer bedeutender Pianisten stand. Das Idiom des Unsteten, Verletzlichen, Fragilen – es steht wie ein Leitmotiv über seiner Auseinandersetzung mit dem Wiener Romantiker. Klavierberserkertum war Barenboims Sache nie. Wenn er Franz Liszts Wagner-Transkriptionen spielt, ist er weniger der romantische Virtuose als der spielende Dirigent, der in musiktheatralischen Kategorien denkt. Der "Einzug der Gäste" aus Wagners "Tannhäuser" hat eine fast ironisierende Leichtigkeit – bloß kein Pathos! Auch das ist Teil des Barenboim’schen Genies: Selbst wenn er sich noch so sehr mit einer Musik identifiziert – verbrüdert hat er sich mit ihr nie. Gestern wie heute.

Daniel Barenboim: The Solo Recordings. 39 CDs (Deutsche Grammophon)

Daniel Barenboim

Der argentinisch-israelische Dirigent, Pianist und Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper erhielt für sein Engagement zahlreiche Ehrungen: u.a. Verdienstorden Deutschlands, Frankreichs, Italiens, Großbritanniens; den Wilhelm-Furtwängler-Preis, den Deutschen Kulturpreis, die Goldmedaille der Royal Philharmonic Society, die Buber-Rosenzweig-Medaille. Barenboim besitzt die spanische, argentinische, israelische und palästinensische Staatsangehörigkeit.  

Autor: KNA

Autor: Alexander Dick