Das schwebende Gotteslob

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Di, 21. November 2017

Klassik

Die Heinrich-Schütz-Kantorei konzertierte in Merzhausen.

Was für eine großartige Kontrastwirkung: Zuerst die strenge, archaisierende "Laudate pueri Dominum"-Fuge – dann das andere, sinnliche, schwebende Lob des Herren: "Laudate Dominum": Der Überraschungseffekt gelingt dem 24-jährigen Wolfgang Amadeus Mozart exzellent in seinen Salzburger "Vesperae solennes de confessore". Und Bernd Scharfenberger lässt die Musik genauso sprechen, verlangt der Freiburger Heinrich-Schütz-Kantorei (HSK) große Transparenz und Deutlichkeit der Stimmen ab, um Mozarts Rückgriff auf barocke Kompositionstechnik gerecht zu werden. Ganz innig darauf das "Laudate Dominum", von Katharina Kunze in zarten, lyrischen Sopranlinien fortgesponnen, als sei eine Vorläuferin der "Figaro"-Gräfin am Werk.

Unter das Motto "Gotteslob" hat Scharfenberger sein Abschiedskonzert als Leiter der HSK in der sehr gut besuchten Merzhauser Kirche St. Gallus gestellt und lässt dieses bis hinein in die Gegenwart reichen, mit zwei Kompositionen von Peteris Vasks. Besonders mit seinem von scharfen Sekundreibungen bei den Streichern durchsetzten "Dona nobis pacem" schlägt der lettische Komponist eine kraftvolle Brücke zwischen Tradition und Gegenwart – zwischen Moderne und Publikum. Der Chor meistert, wie zuvor schon im verbindlicheren "Pater noster", seine Aufgaben zufriedenstellend, wenngleich – den gesamten Abend über – die Töne bei Einsätzen zu oft von unten angesteuert werden.

Beim britischen Block in der Mitte des Programms ist Edward Elgars Streicherserenade e-Moll der Höhepunkt. Unter der Leitung von Konzertmeisterin Lisa Immer taucht das Orchester mit einem ganz klaren, weichen Klang in die romantische Melancholie ein. John Stainers Motette "I saw the Lord" für Chor, Solistenensemble und Orgel (Stefan Pöll) scheint dagegen das alte Vorurteil der frühen Musikwissenschaft zu bestätigen, dass das viktorianische Großbritannien "a land without music" war – zumindest mit unbedeutender Musik. Zum Glück folgen Mozarts Vesperae, bei denen auch Lena Traupe (Alt), Moritz Kallenberg (Tenor) und Philip Niederberger (Bass) ihre klingenden Visitenkarten abgeben. Der Abschied rührt an. Bernd Scharfenberger bedankt sich bei Publikum, Chor – und seinen Eltern. Und bringt jenes Werk zur Aufführung, das ihn als Knaben sozusagen musikalisch sozialisiert hatte: Mozarts spätes "Ave verum" – delikat und fein ausbalanciert. Großer Applaus für Scharfenberger, dessen Erbe nun Cornelius Leenen antreten wird.