Klassik

Der Amsterdamer Organist Matthias Havinga spielte im Freiburger Münster

Johannes Adam

Von Johannes Adam

Mi, 29. August 2018 um 20:15 Uhr

Klassik

Frühbarock bis Moderne: Bei seinem Konzert im Freiburger Münster bot der Amsterdamer Orgelprofessor Matthias Havinga unter anderem Romantisches von Mendelssohn.

"Du erinnerst Dich wohl noch, wie wir damals im Regen in den Dom liefen und ihn bewunderten, mit seinen dunkelen, bemalten Fenstern" – das schrieb Felix Mendelssohn Bartholdy am 14. April 1837 von Freiburg aus, wo er im Rahmen der Hochzeitsreise weilte, an seine Schwester Fanny. Mit "Dom" meinte er natürlich das Münster. Dort erklangen jetzt Werke des Romantikers: Der Amsterdamer Konservatoriumsprofessor Matthias Havinga (Jahrgang 1983) bewies vom Hauptspieltisch aus, dass die Orgel sogar genügend federnde Leichtigkeit besitzt, um das Scherzo aus der Musik zu Shakespeares "Sommernachtstraum" in Szene zu setzen. Die Bearbeitung stammt von Yannick Merlin. William Thomas Best, bedeutendster englischer Konzertorganist des 19. Jahrhunderts, ist Arrangeur der Ouvertüre zum Oratorium "Paulus". Wunderbar, wie der Interpret da Mendelssohns Adaption von Philipp Nicolais Meisterchoral "Wachet auf, ruft uns die Stimme" realisierte: grundstimmig, plastisch, orchestral. Selbst ein Kraftspender wie die Tuba magna der Michaelsorgel war im Einsatz. Grandios die Steigerung.
Man spürte, dass der Organist auch pianistisch fit ist. Etwa bei der Beweglichkeit, mit der er Maurice Duruflés g-Moll-Sicilienne, den Mittelsatz aus der Suite op. 5, cantabile in den Raum stellte: als feine Mischung aus Melos und Mystik. Als hochkarätige Orgelkunst, bei der sich Oboe und Krummhorn zu Wort melden. Virtuoser Höhepunkt aber war Olivier Messiaens "Dieu parmi nous" (Gott unter uns), das packende Finale aus dem Zyklus "La Nativité du Seigneur" (Die Geburt des Herrn) von 1935. Obwohl auf der eigentlichen Schlussetappe die Klangbalance sich – wegen des zu dominanten Pedals – als nicht ganz optimal erwies: Brillant und souverän durchmaß Havinga das Akkord-Staccato dieser E-Dur-Toccata, jenen ekstatischen Lobgesang, auf den hin der neunteilige Zyklus letztlich ausgerichtet ist. Apropos Akkord-Staccato: An keiner anderen Stelle seines Orgelschaffens dokumentiert Messiaen derart nachhaltig, dass er ein Eleve des schulebildenden Pariser Virtuosen und Organistenmachers Marcel Dupré war.

Überfall mit Arvo Pärt

Auch Amsterdam hatte einen Organistenmacher. Im damals noch jungen Barock war dies Jan Pieterszoon Sweelinck. Dessen Fantasia Chromatica hätte man nun gern an einer Orgel gehört, bei der die Verbindung von der Taste zur Pfeife auf mechanischem Weg erfolgt. Dafür prädestiniert gewesen wäre die Schwalbennestorgel, die aber bei diesem Rezital kaum zum Zuge kam. Havinga bot Sweelincks Fantasia vom elektrischen Hauptspieltisch aus. Auch so konnte der Organist seine eminenten Qualitäten vorführen. Der Prinzipal, Chef der Orgelregister, durfte singen. Bruchlos und ungemein stringent gestaltete der Interpret mit dem Klang der ferngesteuerten Marienorgel Sweelincks Kombination von Polyphonie, Chromatik und Ausdruck.

Direkt an der Marienorgel, dem größten Münsterinstrument, hatte das Konzert überfallartig begonnen: mit Arvo Pärts für den Dom zu Speyer und dessen 900-Jahr-Feier komponiertem "Annum per annum". Nach dem phonstarken Einstieg muss der Sound bald geradezu absaufen. Nach der Reanimation dann Gezirpe, Krummhorn, Antikisierendes. Gegen Ende geht’s mit der Dynamik steil bergauf. Befund: Die Geschichte der Orgelmusik kennt anregendere Resultate. Gegen Havingas Pärt-Deutung ist nichts einzuwenden. Eher gegen seine Bach-Lesart: "Allein Gott in der Höh’ sei Ehr’" BWV 662, die Loblied-Version mit dem lombardischen Rhythmus, ist von Hause aus ein ruhiges Stück. Havinga formte aus dem Adagio-Satz eine Meditation – deren Schneckentempo die Gefahr des Schleppens in sich trug. Die verzierte Choralmelodie war dem klar zeichnenden Kornettregister der Marienorgel anvertraut.

Bei weitem überwog das Positive. In den Abend entlassen wurde man mit einer hübschen Fassung des Lieds "Nun ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Städt und Felder". Die Melodie in der linken Hand, die Begleitung fast carillonartig. Man verließ das – ja schon von Mendelssohn bewunderte – Münster mit der Erkenntnis, einen bemerkenswerten Organisten erlebt zu haben.