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06. Juli 2015

Die Sinfonie – ein Drama

Freiburg: David Afkham und das SWR-Orchester .

Er ist Freiburger. Er wurde 1983 in eine Arztfamilie geboren und wie seine drei Geschwister buchstäblich unter Musik gesetzt (ein Bruder ist Bratscher bei den Berliner Philharmonikern). Mit 15 Jahren war er Jungstudent an der Musikhochschule, mit 19 Klavier-Preisträger bei "Jugend musiziert", dazwischen Konzertmeister am Deutsch-Französischen Gymnasium, dann KHG-Dirigent. Was folgte, waren Preise am laufenden Band, Assistenzen und Auftritte bei Elite-Orchestern. Eine Weltkarriere hat begonnen. Demnächst tritt er seine erste Chefstelle an: beim Spanischen Nationalorchester.

David Afkhams mit einem Beifallstumult beantwortetes Debüt beim SWR-Sinfonieorchester im vollen Konzerthaus legt die Erkenntnis nahe: Auch er bezeugt, dass es längst eine Dirigenten-Generation gibt, für die es keinen Unterschied macht, einen maßvollen Neutöner wie Harrison Birtwistle, einen modernen Klassiker wie Benjamin Britten oder einen Romantiker wie Peter Tschaikowsky zu durchdringen. In der Tat, schon "Night’s Black Bird" (2004) des heute 80-jährigen Birtwistle ist bis auf den Grund ausgeleuchtet – die nicht selten bedrückenden melodischen Stränge, die plötzlich aufblitzenden Bläserschärfen, die grellen Störfaktoren, die Massierung aller Kräfte der schlagwerkreichen Sinfonischen Dichtung, die es mit der Melancholie von John Dowlands Lautenliedern und den dunklen Klangregionen hält.

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Durch Nacht zum Dur-Glanz

Brittens Sinfonie für Cello und Orchester (1962) wirkt beim außerordentlich sorgfältig verfahrenden Dirigenten als die Formmixtur aus Sinfonie und Solokonzert, die der Komponist und der Widmungsträger Mstislaw Rostropowitsch im Auge hatten. Das Nächtlich-Finstere ist auch hier nicht weit. Trotz der betonten Verflechtung von Solist und Ensemble lässt sich Gautier Capuçon zu den virtuosen Exkursen nicht zweimal bitten. Ob er mit markanter Fülle zu Brittens Kantabilität ausholt oder zu den rhetorisch anmutenden, opernnahen Rezitativ- und Kadenz-Strecken ansetzt, zu vollem, sonorem Ton oder zum zart-flirrenden Wispern im Diskant – wir haben es mit bestechendem instrumentalem Format zu tun.

Durch Nacht zum Dur-Glanz: Vollends wird das denkbare Motto des Abends mit Tschaikowskys fünfter Sinfonie getroffen. Da zeigt sich, zu welcher – kontrollierten – Emotionalität Afkham in der Lage ist. Da sind die motivischen Bausteine aufs Klarste freigelegt, in ihrer Verknüpfung verfolgt. Und: Die Klangwogen gehen hoch. Das Reißerische ist dem Mann am Pult wie dem brillant folgenden Orchester keineswegs fremd. Es bleibt indes alles straff, nervig. Es kommt keine klangliche Fettsucht auf, kein Schwulst. Delikateste Ausformulierungen in der lyrischen Salonnähe, Feingefühl und Leidenschaft: die Sinfonie – ein Drama. Grandios.

Ein Vorspiel gab’s draußen. Die rastlosen Unterstützer des zum Verschwinden verurteilten SWR-Orchesters demonstrierten mit Plakaten und einem neuen 15-Punkte-Papier. Es fragt, was von all den Beteuerungen zugunsten des Fusionsklangkörpers wahr wird. Kürzest-Antwort: nichts.
– SWR2 sendet das Konzert am 25. September um 20.03 Uhr.

Autor: Heinz W. Koch