Die Sprache ist die Heldin

das Gespräch führte René Zipperlen

Von das Gespräch führte René Zipperlen

So, 19. November 2017

Klassik

Der Sonntag "Durst und Frucht" Musiktheater von Annette Schmucki zum Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm .

Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm ist mit seinen 600 000 Einträgen immer noch das gewaltigste Unterfangen, die deutsche Sprache zu beschreiben. Die Komponistin Annette Schmucki macht aus dem Ringen mit den Wörtern Musiktheater.

Der Sonntag: Frau Schmucki, das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm ist wohl das größte und fanatischste Projekt dieser Art. Wann sind Sie zum ersten Mal darauf gestoßen?

Ich hatte in einem anderen Zusammenhang mit einem Wort zu tun, das ich musikalisch bearbeiten musste, "vollenden". Oft benutze ich dann eine Suchmaschine im Internet und stöbere herum, damals, das war etwa 2010, stieß ich sehr schnell auf die Brüder Grimm, und schon ließ mich die Geschichte des Wörterbuchs nicht mehr los.
Der Sonntag: Inwiefern?

Sie waren gezwungen, eine Arbeit anzunehmen, über der sie beide sterben würden: ein Deutsches Wörterbuch zu schreiben. Weil sie politisch aktiv waren, verloren sie ihre Stellungen an der Universität Göttingen und mussten ins Exil nach Kassel. Sie hatten das Angebot, ein Wörterbuch zu erarbeiten, davor abgelehnt, nun hatten sie wirtschaftlich keine Wahl. Sie planten mit einer Arbeit von etwa sechs Jahren und einem Umfang von sechs bis sieben Bänden. Aber sie starben nach 15 Jahren und nicht einmal fünf kompletten Buchstaben. Jacob nach 15 Jahren am Eintrag zu "Frucht", Wilhelm am Eintrag zu "Durst". Daher auch der Titel meines Stücks.

Der Sonntag: Was hat sie als Künstlerin daran fasziniert?

Ich liebe Wörterbücher, ich liebe Listen, und ich mag die Idee des Abarbeitens. Es war Hybris, zu glauben, man könne das in ein paar Jahren erledigen, und dann kam dieser Wörterschwall über sie. Die Grimms haben ja nicht nur Wörter aus der Literatur zusammengesucht, sondern auch jedes umgangssprachliche oder obszöne Wort aufgenommen, sie wollten wirklich die gesamte deutsche Sprache erfassen. Auch ich war am Ende überfordert mit den vielen Möglichkeiten, aus denen ich nur noch eine klägliche Auswahl treffen konnte.
Der Sonntag: Wie ist diese strukturiert?

Ich habe alle Wörter von "A" bis "Frucht" abgezählt und ausgerechnet, wie viele Wörter jeder der Brüder im Schnitt pro Monat erarbeitete. Die Liste dieser Wortpaare oder Monate strukturieren das Stück. Jeder Monat dauert 21 Sekunden – Die Struktur ist also recht engmaschig. Das Stück hat viele Schichten, angefangen von einzelnen Phonemen, über Silben und Wörtern bis zu Texten, es gibt viele Überlagerungen, auch von musikalischem und visuellem Material. Es wird sehr dicht, und die Zuhörerinnen und Zuhörer können jeweils einen Teil davon aufschnappen, wie es ist, wenn man in einem Wörterbuch blättert.
Der Sonntag: Also eine Struktur der Überforderung?

Vielleicht war ein Satz von Jacob Grimm entscheidend für die Anmutung des Stücks: "Ich werde von der Masse aus allen Ecken und Ritzen auf mich andringenden Wörter gleichsam eingeschneit." Diese Fülle, dieses Glück und zugleich Unglück der Sprache, das war es. Inwieweit es überfordert, müssen die Hörer entscheiden.
Der Sonntag: Warum haben Sie sich für ein Musiktheater entschieden?

Ich hatte mich lange mit dem Material beschäftigt und wollte neben der Musik und dem Mündlichen auch eine visuelle und schriftliche Ebene mit den Videoprojektionen erarbeiten. Ich wollte auch, dass sich die Sprache in den Raum ausfaltet. Aber mir geht es da nicht anders wie den Grimms: Jede zusätzliche Ausfaltung ist auch ein Zuviel, an dem man schließlich scheitert. Man kann die Sprache nicht als Ganzes einfangen, das hat mich inspiriert und gequält. Man kommt nie wirklich dahin.
Der Sonntag: Gibt es eine Art Rahmenhandlung?

Nicht wirklich. Ab und zu hört man fiktive O-Töne von Jacob und Wilhelm, die von sich berichten. Es gibt auch kleine quasi erklärende Textfetzen wie aus dem Off über die Grimms. Aber die Geschichte wird nur angedeutet, nicht ausgespielt. Es gibt keine Personen, keine Rollen, es gibt abgesehen von den Wörtern "A" bis "Frucht" nichts Chronologisches, wie die Wörter selbst, die Silben und Laute; die Sprache ist die eigentliche die Protagonistin.
Der Sonntag: Die Interpreten tragen Helme wie Bergarbeiter im Stollen.

Das ist eine Idee der Regie und des Bühnenbildes, ich habe da nichts vorgegeben. Verbunden mit den 60er-Jahre-Kostümen ergibt sich eine Verbindung von Bürgerlichkeit und dem Graben im Stollen, die Bühne ist oft dunkel. Die Helme und die Dunkelheit spielen auch auf die Situation an, dass die Brüder fast ein Leben lang Zimmer an Zimmer abgeschottet arbeiteten und sich wenig austauschten. Die Arbeit war wohl sehr autistisch.
Der Sonntag: Sie sagen, Sie interessieren sich für den Moment, in dem "Sprache in Musik kippt". Wo wird das deutlich?

Alles musikalische Material ist eigentlich sprachliches. Alles, was geschieht, ist in Klänge übersetzt: Silben, Sprachrhythmen, Reaktionen auf das Gesprochene, aber auch ganz abstrakte Verwendungen der Sprache. Ich analysiere zum Beispiel das Klangspektrum von Sprechern, die Obertöne, die verschiedenen Register, und übertrage das auf die Instrumente, zugleich gibt es Rückkopplungen von den Instrumenten zu den Sprechern.
Der Sonntag: Im Alltag ist Sprache ein Mittel der Kommunikation, zumindest erwartet man Verstehbarkeit und Nachvollziehbarkeit. Zeitgenössische Musik hat öfter ein Problem, mit dem Publikum wirklich zu kommunizieren. Beschäftigen Sie solche Fragen?

Mich interessiert die Spannung zwischen verständlich und nicht-verständlich – und wie man das mischen kann. Ich hoffe, es gibt in meinem Stück alle Nuancen dazwischen: dass sich etwas ganz in Musik auflöst, teilweise verständlicher Übergangsstufen, aber auch ganz verständlicher Passagen. Es gibt einen Zwischenraum zwischen Benennen und Erklingen, den zu untersuchen ist mir eine Art Lebensaufgabe geworden. Ich will auch gar nicht das Gefühl erwecken, man hätte alles verstehen müssen und versteht am Ende doch nichts.
Der Sonntag: Sie haben ihr Musikstudium mit Gitarre begonnen. Wann wurde Ihnen klar, dass Sie lieber komponieren möchten?

Ich habe als Kind schon sehr viel komponiert, im Alte-Musik-Stil, ich habe viele Lieder geschrieben und auch in einer Punkband gespielt. Ich habe ziemlich vieles ausprobiert. Die Neue Musik ist mir mit 13 begegnet und es war, als wäre ein Fenster aufgegangen, eine extrem weite Welt, die es zu erforschen galt. Die Gitarre habe ich geliebt, aber ich merkte, dass ich keine Interpretin bin. Der sportliche Aspekt hat mich nicht sehr interessiert, und es gibt auch nicht viel tolle Literatur für Gitarre. Aber vor allem merkte ich, dass ich etwas erfinden muss. Ich bin der Erforschertyp, ich möchte Neues entdecken.
Der Sonntag: Zum Schluss: Haben Sie ein Lieblingswort bei den Grimms gefunden?

Ja: betöbern. Da scheint mir so viel darin zu stecken: stöbern, betäuben, betören. Das fand ich sehr reizvoll.das Gespräch führte René Zipperlen
Durst und Frucht Musiktheater von Annette Schmucki. Dienstag und Mittwoch, 20. und 21. November, 20 Uhr, Gare du Nord, Basel.