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05. November 2016

Die Zeit steht still

Badenweiler Musiktage: Klavierduo Tal-Groethuysen.

Manchmal gibt es diese Momente, in denen man denkt: Wie wunderbar wäre es, wenn alles vorbei wäre. Im Wissen, dass der so schöne Augenblick ja nicht verweilen kann. Und dass ihm nichts Berührenderes mehr folgen kann. So ist das nach dem letzten Takt von Franz Schuberts f-Moll-Klavierfantasie D 940 beim Eröffnungskonzert zu den Badenweiler Herbst-Musiktagen. Wir ahnen, dass sich hinter dieser Schwermut aus Schuberts Sterbejahr 1828 eine persönliche Tragödie verbirgt, die womöglich noch viel schlimmer ist, als es die Widmung ("Der Comtesse Caroline Esterhazy dediziert") über dem Notenblatt vermuten lässt. Und wir spüren das Schizoide darin, gerade zum Ende, wenn der Komponist nach einer Wendung zum D-Dur im vorletzten Abschnitt völlig unvorbereitet in das f-Moll-Ausgangsthema zurückspringt.

Diese Tragik formen Yaara Tal und Andreas Groethuysen in einer Plastizität aus, die einem den Atem stocken lässt. Die beiden großen Generalpausen verwandeln sie in eine Stück Unendlichkeit – die Zeit steht still. Schon wie das Klavierduo einsteigt in das berühmte erste Thema – ganz behutsam, ungemein rubatierend, weil mit den Temposchwankungen die Zerbrechlichkeit der Musik besonders deutlich wird. Eine Interpretation, die man erst einmal verarbeiten muss – ein Moment, der sich leider nur in der Erinnerung festhalten lässt. Wenigstens das.

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Musik – mehr als nur ein Konsumgegenstand

"An die Freundschaft": Unter dem einem Freimaurer-Lied Mozarts entnommenen Motto hat Klaus Lauer in diesem Herbst seine Musiktage gestellt. Und tatsächlich sind und waren sie nie einfach ein Festival, sondern waren immer so etwas wie ein inniges Bundestreffen jener, die der Glaube daran verbindet, dass Musik mehr ist als nur Konsumgegenstand der Berieselungsfaktor. Natürlich gehört das renommierte israelisch-deutsche Klavierduo dazu, wandeln Yaara Tal und Andreas Groethuysen in ihren Programmen doch nie auf ausgetretenen Pfaden. Beethovens Liedvariationen "Ich denke dein" (vermutlich über ein Gedicht Goethes) zu vier Händen sprechen die beredte Sprache eines freundschaftlichen, kunstvoll-eleganten Salontons. Und dennoch liegen Welten zwischen ihnen und der zwei Jahrzehnte jüngeren Großen Fuge op. 134. In der vierhändigen Klavierfassung wirkt dieser Beethoven noch schroffer, noch kontrastiver als der veränderte Streichersatz. Das Klavier wird zum Werkzeug eines Experiments der abermaligen Erweiterung des Klangraums.

Nachsatz. Es war dann doch gut, dass es mit Schubert nicht zu Ende war. Mit Mendelssohns Oktett in der vierhändigen Klavierfassung zeigen Tal und Groethuysen nicht nur, wie brillant sie die Virtuosität (etwa den Koboldreigen im Scherzo) dem Idiom ihres Instruments angedeihen lassen. Sondern auch, wie gegenläufig große Musikentwürfe im nahen zeitlichen Kontext sein können. Großer Beifall, zwei Zugaben – Kurtág-Bach und Reger. Letzterer auf Anregung der Badischen Zeitung. Dankeschön.

Konzerte bis 6. November: http://www.badenweiler-musiktage.de

Autor: Alexander Dick